Her mit der Goldwaage

Ich war auf Reisen. Da lässt man die Blicke schon einmal eher schweifen als im Alltag, wo es oft genug nur von A nach B  gehen muss, und das auf dem schnellsten Weg.
Nun aber, vom Auto ohne Termindruck auf Füße und Fahrrad umgestiegen, verlangsamte sich das Tempo, und die Augen hatten Zeit, ihre Umgebung zu erkunden. So saß ich in Pirna in einem Eiscafé, das mit dem Aufsteller oben warb.
Man erwartet ja eigentlich Positives, wenn etwas mit „NEU!!! Ab sofort…“ angepriesen wird, zum Beispiel:
NEU!!! Ab sofort mit noch mehr Kuchenauswahl
NEU!!! Ab sofort mit freundlichem Service
NEU!!! Ab sofort mit noch mehr Außenplätzen
Aber nun wirklich: „NEU!!! Ab sofort mit Selbstbedienung“ —? Mit drei Ausrufezeichen?
Der schlichte Hinweis: „Bitte bestellen Sie an unserer Theke. Vielen Dank!“ wäre doch völlig in Ordnung gewesen.
Eine frisch eingeführte Serviceeinschränkung jedoch als etwas zu verkaufen, auf das wir schon viel zu lange haben warten müssen – alle Achtung. Endlich kann ich meine Espressi, Kuchen und Eisbecher selber von der Theke zu meinem Tisch schleppen. Das ist toll. So bleibe ich in Bewegung und bekomme ein besseres Gespür dafür, mit wie vielen Kalorien ich es gerade zu tun habe. Und ich kann dem Impuls nachgeben, jetzt und hier ein Eis kaufen zu wollen, stelle mich an und stehe nicht irgendwann frustriert wieder vom Tisch auf, weil niemand kommt, um nach meinen Wünschen zu fragen.
Und apropos Impuls: Ein anderes Schild gab mir ebenfalls Rätsel auf, und auch hier ging es um Eis. Ein großer deutscher Konzern bewarb auf seiner Eiskarte ein Produkt mit dem Slogan „Jetzt als Impulseis“. Wie jetzt – Impulseis? Ist das essbar? Hat es besondere Inhaltsstoffe? („Vorsicht, enthält Lactose und Impuls!“) Die Herstellerwebseite verriet mir schließlich, dass es dieses Eis zuvor nur in einem Multipack für zu Hause gegeben habe und nun auch einzeln gekauft werden könne. Das ist natürlich nett. Aber das (Marketing-)Wort „Impulseis“ auf eine Eiskarte zu drucken, scheint doch an der Zielgruppe vorbeigedacht und hinterlässt bei allen Marketingunwissenden Ratlosigkeit. Die greifen dann sicher lieber zu einem Ohne Impuls-Eis, ich schon aus Prinzip.
Doch was soll dieses Wort nun genau bedeuten? Der Verbraucher soll dem Impuls nachgeben, ein Eis zu kaufen, das er eigentlich gar nicht kaufen wollte? Oder was?
Fragen über Fragen.
Vielleicht sollten wir wieder mehr Wörter auf die Goldwaage legen, bevor wir sie in Druck geben.

 

In 2017, da rutscht mir die Hand aus

Ich bin militant. Zu allem bereit. Wenn ich nicht so schnell frieren würde, könnte ich glatt eine Untergrundgruppe gründen. Über einen Namen denke ich noch nach, nicht aber über unsere Aufgabe: Mit Stiften oder Farbeimern bewaffnet, würden wir in den Formulierungskampf ziehen.
Das macht Sinn – das zu sagen, ergibt für mich noch immer keinen Sinn, aber langsam finde ich mich damit ab. Etwas anderes hat ja doch keinen Sinn.
Und wer alles heutzutage gut aufgestellt ist: Nicht nur das Billy-Regal in meinem Wohnzimmer, sondern auch die Jugendabteilung des SV Freudenberg und die Realo-Spitze der Grünen. Nicht zu vergessen Brandenburgs Steuerfahndung. Nun gut. Eigentlich gehört es heute zum guten Ton, gut aufgestellt zu sein. Vielleicht bin ich ja auch gut aufgestellt und weiß es nur nicht, weil mein Rücken manchmal schmerzt.
Ich google und doodle nach Herzenslust, kaufe auch im „Sale“ ein, wenn es denn nicht mehr im „Schlussverkauf“ sein darf, und im Fernsehen sollen sie halt „performen“ statt „Gesang und Tanz darbieten“ und den „Buzzer“ drücken statt den Knopf mit Pilzkopfdeckel. In der Kürze liegt die Würze.
Aber mein Gleichmut ist passé, sobald jemand „in 2017“, „in 1979“ oder „in 1899“ sagt. Zuerst macht das Herz einen Aussetzer, dann zuckt mein linkes Auge. Kalter Schweiß bricht mir aus. Kommt mir ein Worddokument mit solch einer Entgleisung auf den Bildschirm, rutscht mir auf der Tastatur sofort die Hand aus, und meine Finger landen auf der Löschtaste.
Die deutsche Sprache ist an dieser Stelle doch so schön schlicht. Schlichter als das Englische, dem sie diese unnötige Entlehnung verdankt. Alle mal lesen und verinnerlichen: Auf Deutsch heißt es: „2017 bekomme ich vier neue graue Haare“. Oder: „1979 erschien der erste Star Trek-Film“. Oder: „Erich Kästner erblickte 1899 das Licht der Welt“. Doch, doch. Das ist korrekt. Völlig korrekt. Das „in“ muss leider draußen bleiben. Warum etwas unnötig aufblähen? Eher macht etwas für mich Sinn als dass ich das Wörtchen „in“ mit einer Jahreszahl kombiniere.
Und jetzt gebe ich es auch zu: die Überschrift dieses Textes war zum Anködern falsch geschrieben. Eigentlich hätte sie so aussehen müssen:
„In“ 2017? Da rutscht mir die Hand aus!