Fragen Sie einen Einheimischen!

Neulich bereitete ich meinen Norwegisch-Unterricht vor. Das Lehrbuch sah vor, meinen Teilnehmern beizubringen, dass man z. B. „in“ Bergen, Oslo oder Tromsø wohnen könne, aber nur „auf“ Lillehammer, Voss oder Snåsa. Ob nun dem jeweiligen Ort die Präposition „in“ oder „auf“ vorangestellt werden muss, hängt von seiner geographischen Lage ab. Orte an der Küste: „in“, Orte im Landesinneren: „auf“. Meinen Teilnehmern wird also zur Fehlervermeidung nur übrig bleiben, die norwegische Landkarte auswendig zu lernen. Das Lehrbuch schlägt vor, „im Zweifelsfall“ besser „in“ zu verwenden. Denn Ausnahmen von der geographischen Faustregel gibt es natürlich auch. Wann fangen aber die Zweifel an?
Ich besuchte ein paar norwegische Foren zum Thema und stellte schnell fest, dass es den Norwegern selber nicht besser geht als den Norwegisch-Lernenden. Wie auch? Sie haben sicher auch besseres zu tun als ihre eigene Landkarte auswendig zu lernen.
Irgendwann endeten die Diskussionsgruppen in Sachen „in“ und „auf“ mit dem wirklich praktischen Rat: „Fragt am besten einen Einheimischen!“
Darüber dachte ich eine Weile nach und stellte dann fest, dass es uns in Deutschland eigentlich ganz genauso geht. Wir müssen uns zwar nicht mit den Präpositionen vor den Ortsnamen herumschlagen, aber dafür mit der Aussprache derselben.

Es ist jetzt bald ein Jahr her, als ich mit Freunden unterwegs zu einer Lesung war. Wir fuhren über Land, der Novemberabend hielt für uns ein paar Schneeflocken und immer schmaler werdende, nicht beleuchtete Straßen bereit. Ich äußerte die Vermutung, dass wir in Kürze von der Erdscheibe fallen würden.
Da kamen wir an einem Ortsschild vorbei. „Fernabrünst“ stand dort Schwarz auf Gelb. Dieses Wort zerging uns gleich auf der Zunge, und wir versuchten uns in Silbentrennung und Betonung. Heißt es „Fernab-rünst“? (Wobei diese Version dem Erdscheibenkanten-Gefühl entgegenkam…) Oder doch eher „Ferna-brünst“? Welche Assoziationen weckt denn das?
Bester Stimmung erreichten wir den Ort der Lesung und erlebten einen wunderbaren Abend.

Und es gibt ja noch viele weitere Beispiele, die jeder aus seiner Region kennt. So muss der Ort Lehnin bei Berlin unbedingt auf der zweiten Silbe betont werden, wenn man nicht als Fremder enttarnt werden möchte. So wie der Berliner Bezirk Weißensee auf der letzten Silbe. Das wissen seit der gleichnamigen Fernsehserie jetzt auch die allermeisten.
Doch wie sieht es aus mit Grevenbroich? Horst Schlämmer alias Hape Kerkeling hat da ja eher Verwirrung gestiftet. Zum Glück verrät das Internet die richtige Aussprache: „Grevenbrooch“ muss es heißen.

Bei Fernabrünst hilft mir schließlich Wikipedia weiter. Dort heißt es, der Ort werde umgangssprachlich „Brinsd“ genannt. Das würde für Variante 2 sprechen: Ferna-brünst. Was bleibt also zu tun, um sicherzugehen? Dem Rat im norwegischen Forum folgen: Hinfahren. Einen Einheimischen befragen.

Gelassen Bahn fahren

Als ich während eines Norwegenaufenthaltes eine Schweizerin kennenlernte, war das nicht nur der Beginn unserer Freundschaft, sondern auch der unserer Reisetätigkeit in das Heimatland der anderen. Es dauerte nicht lang, da legte meine Freundin dann zum ersten Mal den Finger in die Wunde und schüttelte den Kopf über die ständigen Verspätungen bei der Deutschen Bahn.
Ich hätte damals „Willkommen im Club“ sagen können, schließlich habe ich, hat eigentlich jeder, der in Deutschland öfter mit dem Zug fährt, schon so viel erlebt, das reicht schnell für ein zweites Menschenleben. Aber ich fühlte mich damals noch in meiner Ehre gekränkt und entgegnete irgendwas mit „größeres Streckennetz als in der Schweiz“, „logistisch viel aufwändiger“, „gar nicht so schlimm“. Und so strafte ich bei meinen Besuchen die Tatsache mit Nichtachtung, dass die Züge in der Schweiz auf die Sekunde genau abfuhren und ankamen.
Mittlerweile kennen wir uns seit 20 Jahren und lästern gemeinsam. Meine Freundin ist inzwischen eine intime Kennerin der Deutschen Bahn geworden. Zugausfall? Anschlusszug weg? Sie haut diesbezüglich nichts mehr um. Perfektionistisch, wie sie als Schweizerin eben so ist, hat sie sich am DB-Schalter sogar schon einmal über zu wenig Zugverspätung beklagt. Da hat sie uns Deutschen höchstwahrscheinlich wieder etwas voraus.
Und während sie immer wieder an irgendeinem Bahnhof in Deutschland strandet und dann ihr Sparticket umbuchen muss, oft ohne über den genauen Grund der Verspätung Bescheid zu wissen, genieße ich es, aus einem Schweizer Bahnhof pünktlichst abzufahren und sofort darüber informiert zu werden, warum der Zug auf offener Strecke kurz (wirklich kurz!) halten muss.
Man könnte jetzt sagen, dass ich besser dran bin. Aber zum einen führt mich meine Reise ja immer auch durch Deutschland… Und zum anderen finde ich, dass meine Freundin unserer Bahn Wertvolles zu verdanken hat: Diese Gelassenheit im Umgang mit Zugreisen, dieses „Für alles bereit sein“ – das lernt man in Deutschland eben viel besser als in der Schweiz.