Bahnsprech

Neulich fuhr ich mal wieder mit der Bahn.

Eigentlich ist damit alles gesagt.

Aber: Ach was, ich kann nicht anders. Ich muss einfach aufschreiben, was ich erlebt habe. Auch wenn man bei google nur mal die Stichworte „Bahn“ und „Sprüche“ eingeben muss, um zu sehen, wieviele Seiten sich inzwischen mit der Deutschen Bahn, Lautsprecherdurchsagen, Verspätungsdurchsagen und Erlebnissen im Zug selbst befassen. Ich bin also nicht allein.

Dass die Fahrt spannend werden würde, war mir bereits klar, als die Zugbegleiterin den Waggon betrat und sagte, wer noch nicht beschaffnert worden sei, der habe jetzt die Gelegenheit dazu. Beschaffnert – ein neues Wort! Ich ließ es mir auf der Zunge zergehen und versuchte, seine Bedeutung zu ergründen. Schwierig, die Sache, schwierig. Auf welcher Fortbildung hatte sie dieses Wort gelernt und konjugieren müssen? Ich beschaffnere dich, du beschaffnerst mich, wir beschaffnern euch…
Ich versuchte mein Glück und zeigte ihr meine Fahrkarte. Sie nahm und überprüfte diese ganz selbstverständlich. Ich hatte das Wort also richtig interpretiert.

Dann ging es weiter. Der Zug hielt. Alles lief nach Plan, das heißt: Es gab erst einmal überhaupt keine Durchsage, warum wir standen. Irgendwann aber meldete sich meine Zugbegleiterin wieder zu Wort und versüßte mir die Wartezeit auf offener Strecke. Sie sagte: „Vor uns sind unberechtigte Tiere im Gleis, die wir nicht überfahren können. – – –  Und auch nicht wollen. Oder dürfen.“

Berechtigte Tiere hätten wir also einfach mit Tempo 200 über den Haufen gefahren, ohne mit der Wimper zu zucken. Aber unberechtigte Tiere – da hört der Spaß auf. Die kann man nicht einfach so überfahren. Und wollen oder dürfen tun wir das schon gar nicht!
(Es handelte sich übrigens um ein Schwanenpaar. Glück für das Geflügel, dass es zur Gattung der unberechtigten Tiere gehört).

Nach diesen Erlebnissen kam ich mit 30 Minuten Verspätung gut gelaunt am Ziel an. Dass auf der Rückfahrt die Wagenreihung geändert war und aufgrund eines technischen Defekts die Reservierungsanzeige im Zug nicht funktionierte – geschenkt. Ich fand es nur sehr, sehr schade, dass die beiden Zugbegleiterinnen anscheinend noch keine Beschaffner-Fortbildung besucht hatten und auch keine zum Thema Servicedienstleistung. Stattdessen musste ich sie suchen, in ihren Räumlichkeiten finden und beim Essen stören, weil ich doch so gerne gewusst hätte, ob ich – natürlich aufgrund einer Verspätung – meinen Anschlusszug bekommen würde.
Aber man kann nicht alles haben.
Dass der Zug nicht wartete, erfuhr ich erst, als ich am Umsteigebahnhof direkt nachsah.

Unverzagt nahm ich vor einer Woche wieder die Bahn. Auf dem Hinweg zogen wir Reisenden alles an, was wir mithatten, weil die Klimaanlage uns anscheinend länger haltbar machen wollte und empfindlich kühle Luft in den Waggon pustete. Typisch. Klimaanlagen in Zügen scheinen eine technisch  verzwickte Sache zu sein, nur ganz schwer in den Griff zu kriegen.
Auf dem Rückweg hatte ich dann fast eine Stunde Verspätung und ärgerte mich: Ab 1 Stunde hätte ich wenigstens Geld zurückbekommen…

Anfang Dezember bin ich wieder unterwegs mit der Bahn, nach Winterthur zum Adventsbus. Auf dem Hinweg, ich habe gerade mal auf meiner Fahrkarte nachgesehen, werde ich 3x umsteigen und auf dem Rückweg 4x, wobei die kürzeste Umsteigezeit vier Minuten beträgt.

Ich spüre, das wird wieder ein Abenteuer. Da kann ich mich dann so richtig lebendig fühlen. Und das kostet viel weniger, als wenn ich einen Erlebnisgutschein gekauft hätte! Thank you that I can travel with Deutsche Bahn!

Gelassen Bahn fahren

Als ich während eines Norwegenaufenthaltes eine Schweizerin kennenlernte, war das nicht nur der Beginn unserer Freundschaft, sondern auch der unserer Reisetätigkeit in das Heimatland der anderen. Es dauerte nicht lang, da legte meine Freundin dann zum ersten Mal den Finger in die Wunde und schüttelte den Kopf über die ständigen Verspätungen bei der Deutschen Bahn.
Ich hätte damals „Willkommen im Club“ sagen können, schließlich habe ich, hat eigentlich jeder, der in Deutschland öfter mit dem Zug fährt, schon so viel erlebt, das reicht schnell für ein zweites Menschenleben. Aber ich fühlte mich damals noch in meiner Ehre gekränkt und entgegnete irgendwas mit „größeres Streckennetz als in der Schweiz“, „logistisch viel aufwändiger“, „gar nicht so schlimm“. Und so strafte ich bei meinen Besuchen die Tatsache mit Nichtachtung, dass die Züge in der Schweiz auf die Sekunde genau abfuhren und ankamen.
Mittlerweile kennen wir uns seit 20 Jahren und lästern gemeinsam. Meine Freundin ist inzwischen eine intime Kennerin der Deutschen Bahn geworden. Zugausfall? Anschlusszug weg? Sie haut diesbezüglich nichts mehr um. Perfektionistisch, wie sie als Schweizerin eben so ist, hat sie sich am DB-Schalter sogar schon einmal über zu wenig Zugverspätung beklagt. Da hat sie uns Deutschen höchstwahrscheinlich wieder etwas voraus.
Und während sie immer wieder an irgendeinem Bahnhof in Deutschland strandet und dann ihr Sparticket umbuchen muss, oft ohne über den genauen Grund der Verspätung Bescheid zu wissen, genieße ich es, aus einem Schweizer Bahnhof pünktlichst abzufahren und sofort darüber informiert zu werden, warum der Zug auf offener Strecke kurz (wirklich kurz!) halten muss.
Man könnte jetzt sagen, dass ich besser dran bin. Aber zum einen führt mich meine Reise ja immer auch durch Deutschland… Und zum anderen finde ich, dass meine Freundin unserer Bahn Wertvolles zu verdanken hat: Diese Gelassenheit im Umgang mit Zugreisen, dieses „Für alles bereit sein“ – das lernt man in Deutschland eben viel besser als in der Schweiz.