Strandgut

Zur Zeit wäre ich unheimlich gerne an der Nordsee. Würde mir von einer frischen Brise die Haare zerzausen lassen. Stattdessen pustet mir der tropische Sommerwind selbst auf dem Fahrrad ins Gesicht wie ein heißgelaufener Fön.

Ach, wie wäre das jetzt nett an der Nordsee. Ich würde barfuß am Strand entlangschlendern, in die Ferne schauen und dann wieder nahstellen auf das, was sich mir vor meinen Füßen bietet: blindgescheuerte Scherben, rundgeschliffene Steine und perlmuttfarbene Muscheln. So ein Strandspaziergang weckt meinen Entdeckergeist.

Zu Hause, fernab der Küste, begegnet mir auch das eine oder andere Strandgut, und ich denke mir die Hintergrundgeschichte dazu aus. Neulich abends lag zum Beispiel mitten auf der Straße ein Hundehaufen unglaublichen Ausmaßes. Ein wahrhaft unüberwindbares Hindernis für den Straßenverkehr. Ich blieb stehen und betrachtete diesen stattlichen braunen Hügel. Respekt! Welcher Hund kann so einen Haufen produzieren? Mir fiel keiner ein, der die Größe einer Kuh hat, das stellte mich vor ein Problem. Darum überlegte ich mir lieber, wie sein Halter ihn nur ein Mittelgebirge auf die Straße kacken lassen konnte, ohne es wegzuräumen. Vielleicht war er gerade auf dem Weg nach Hause, um einen Schneeschieber zu holen. Wer weiß? Am nächsten Tag war die Straße jedenfalls sauber. In der Nachbarschaft seiner Restmülltonne möchte ich lieber nicht wohnen…

An der Autobahnauffahrt meines Arbeitsortes habe ich zwei Tage hintereinander jeweils einen Schuh liegen sehen, beim ersten Mal einen alten Sportschuh, beim zweiten einen braunen Herrenslipper. Wieso liegt sowas an Autobahnauffahrten herum? Darüber nachzudenken, ist nun wahrlich interessant. Ich stelle mir vollgepackte Autos auf Reisen vor, bis oben hin voll. Man darf das Fenster kein Stückchen öffnen, sonst reißt der Fahrtwind ungesicherte Teddybären, Schnorchelsets oder eben auch Herrenslipper mit sich fort. Und dann steht man da. Auf nur einem Herrenslipper. Zu Beginn des Urlaubs.
Und der Turnschuh? Da ist mir eine für genau diese Autobahnauffahrt passende Theorie eingefallen: Gerade in den großen Sportoutlets in der Nähe shoppen gewesen, versucht man halb verzweifelt, die fünf neu gekauften Paar Sportschuhe unter das Reisegepäck zu mischen. Das gestaltet sich als schwierig bis unmöglich. Also Fenster auf und raus mit den alten Tretern.

Wieder andere Leute haben da mehr Stil: Sie stellen Kisten voller unbrauchbarem Krempel ordentlich an ihre Gartenzäune und schreiben auf einen Zettel: Zu verschenken! Wäre mal ein Projekt zu beobachten, wer sich über vergammelte Bergschuhe und vom Regen bemooste Bücher freut… Sie hätten ihr Zeug zwar besser gleich dem Restmüll übergeben, aber so lange sie es nicht an Autobahnauffahrten aus dem Fenster werfen, bin ich schon froh.

Im Frühjahr habe ich an so einem Gartenzaun übrigens wirklich mal etwas mitgenommen: einen Blumentopf mit Bärlauch. Der wächst nun in meinem Garten. Ein schönes Beispiel von Weiterverwertung!