Mein Adressbuch

Mein Adressbuch ist in die Jahre gekommen und voller Flecken, Eselsohren und Streichungen.
Aber wie oft war mir sein ramponierter Anblick schon lieb und teuer, wenn ich es nach tagelanger Suche erleichtert wiederfand. Bei einer solchen Gelegenheit beschloss ich irgendwann, mir ein neues Adressbuch zu kaufen und das alte als Ersatz an einem passenden Ort abzulegen. Der Kauf wurde in die Tat umgesetzt. Dabei blieb es.
Ich brauchte eine Weile, um zu ergründen, was mich davon abhielt, die leeren, fleckenlosen Seiten auszufüllen. Schließlich wurde mir klar: Ich hänge an diesem zerfledderten Büchlein, das mir die vergangenen Jahre meines Lebens so gut widerspiegelt.
Ich lese darin die Namen von vertrauten Menschen, die inzwischen schon bis zu fünf Mal umgezogen sind. Und mit jeder durchgestrichenen, da nicht mehr gültigen Adresse verbinde ich so gute Erinnerungen an Besuche und Gespräche in unterschiedlichen Wohnungen und Städten. Ich würde mich um vieles bringen, beschränkte ich mich im neuen Adressbuch nur auf die aktuelle Anschrift. Und die alten Daten ebenfalls aufzuschreiben, nur um sie gleich wieder zu streichen, das wäre nicht das Gleiche.
Und da sind die Anschriften von Menschen, die nicht mehr leben. Und die von jenen, zu denen ich keinen Kontakt mehr habe, einfach weil wir irgendwann in unterschiedliche Richtungen abgebogen sind. Meist versandete das unmerklich, selten gab es einen furiosen Schlussakkord. Ich streiche sie nicht durch, das wäre mir zu endgültig. Vielleicht melde ich mich ja doch wieder, eines Tages…
Durchgestrichen habe ich nur, um zu aktualisieren. Nicht um einen Schlussstrich zu ziehen. Das gefällt mir. Und so leben in meinem Adressbuch die Namen aller mir Wichtigen von Jetzt und Einst in friedlicher Koexistenz.

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