Maximilian Schell in der Bäckerei

In einer Bäckerei in der Nähe fragte mich vor ein paar Monaten ein neues Gesicht hinter der Theke nach meinen Wünschen. „Das ist ja Maximilian Schell!“, dachte ich sofort und warf dezent einen Blick auf das Namensschild meines Gegenübers. Natürlich hatte ich nicht erwartet, darauf „Maximilian Schell“ zu lesen. Der ist nun sowohl 5 Jahre tot als auch über 80 Jahre alt geworden. Und war, soweit ich weiß, auch nie als Bäckereifachverkäufer tätig. Und hat darum auch keine Bäckereifachverkäuferdynastie gegründet.

Dieser junge Mann hier war höchstens Mitte zwanzig. Auf dem Namensschild stand ein für meine Ohren arabisch klingender Name. Mich traf ein ernster Blick, so in der Art wie auf den Fotos von Schell senior 1962, als er für seine Rolle in „Das Urteil von Nürnberg“ einen Oscar gewann. Auf diesen Fotos lächelt er und wirkt trotzdem ganz ernst, so als sei ihm das ganze Theater um seine Person gerade viel zu anstrengend.
So wirkt auch (nennen wir ihn einfach:) Samir. In seinem Fall vielleicht, weil er nur gebrochen deutsch spricht und so ein langer Tag hinter der Theke darum auch ganz schön anstrengend sein kann.

Was ich spannend finde, ist, dass Samir wahrscheinlich noch nie etwas von Maximilian Schell gehört hat und sicher auch nicht auf die Idee kommt, „Das Urteil von Nürnberg“ anzusehen oder österreichische Oscar-Preisträger zu googeln. Es würde ihm darum auch gar nichts bedeuten zu wissen, dass er so große Ähnlichkeit mit einem seit ein paar Jahren verstorbenen Schauspieler hat.

Ich bewahre dieses Geheimnis also für mich, vergesse es auch zwischendurch immer wieder, bis es mich nach ein paar Wochen erneut in diese Bäckerei verschlägt. So ganz für mich beneide ich ihn! Wer hat schon Ähnlichkeit mit einem grandiosen Schauspieler, der in jungen Jahren wirklich richtig gut aussah?

Ich werde nur öfter gefragt, ob ich eine Schwester im Nachbarort habe oder eine Cousine, ob ich aus Stadt X oder Y komme oder meine Familie aus Dorf Z stammt. Gerade letzte Woche wurde ich jemandem vorgestellt, der felsenfest behauptete, mich schon einmal gesehen zu haben. Was nicht sein konnte. Mittlerweile winke ich nur noch ab und sage: „Nein nein, ich habe einfach nur ein Allerweltsgesicht.“

Da hat der Bäckereifachverkäufer mir einfach etwas voraus.

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