Materialschlacht im Schreibwarenladen

Eine Familie zu haben, ist teuer. Das zeigt sich beispielsweise jedes Jahr zu Schulanfang, wenn die Kinder mit einem vollgeschriebenen DIN A 4-Zettel nach Hause kommen. Auf dem stehen – in der Premiumversion sauber getippt – die Wünsche der Lehrer, was Hefte, Umschläge und andere Materialien betrifft. Meist sieht dieser Zettel aber so aus, dass die Lehrkräfte die für ihr Fach anzuschaffenden Mittel handschriftlich in kleine Felder eingetragen haben. Da zeigt sich beim Entzifferversuch recht schnell, ob die Werte meiner Brille noch aktuell sind oder nicht.
Jedes Jahr vor Schulanfang bin ich mir sicher, dass wir mittlerweile aber auch wirklich alles zu Hause haben, was es in einem gut bestückten Schreibwarenladen auch gibt. Wir haben Heftumschläge in allen Farben des Regenbogens, verfügen über Geodreiecke, Zirkel und Pinsel in allen Variationen und zudem über eine gute Auswahl diverser karierter und linierter A4-Hefte.
Jedes Jahr nach Schulanfang werde ich dann eines besseren belehrt.
Dieses Mal durfte ich nach Umschlägen in Türkis fahnden. Die Schreibwarenhändlerin meines Vertrauens und ich beschlossen nach längerer Suche einvernehmlich, Türkis in Hellblau umzudeuten. Den Wunsch der Kunstlehrerin nach einem Acrylpinsel in Orange (?!) konnte man mir allerdings auch im Fachhandel nicht erfüllen. Dafür erhielt ich dort die geforderten Haar- und Borstenpinsel in jeweils drei Größen und Bleistifte in vier bestimmten Härtegraden, unter anderem 6B. (Was ebenfalls auf der Liste stand, beispielsweise Farbmalkasten, Schwamm und Wasserglas, konnte ich glücklicherweise unserem bestens sortierten heimischen Regal entnehmen). Innerlich verfluchte ich die Lehrerin, die mal besser freischaffende Künstlerin geworden wäre, als dass sie mit ihrer unerfüllten Leidenschaft nun uns auf der Tasche liegt und wir unseren Kindern ein Equipment finanzieren dürfen, das wahrscheinlich zum Studium an der Kunsthochschule berechtigt.
Bei der Anschaffung von allem anderen bin ich inzwischen zur versierten Einkäuferin geworden, die die Frischlinge im Laden daran erkennt, wie sie ratlos mit ihrer Liste herumlaufen und hektischen Blickes nach einer Verkäuferin suchen.
Kariert mit Schattenrand? Hah, kein Problem! Ein Griff ins Regal unten. Liniert mit beidseitigem Rand? Ein Griff ins Regal Mitte. Kariert mit Rand außen und gelocht? Zack, ein Griff ins Regal oben. Ob blanko, Vokabel- oder Notenheft – ich nehme alles wie im Schlaf mit siegessicherem Lächeln von den Stapeln und werfe es in meinen Korb.
Das Beispiel des orangefarbenen Acrylpinsels oder türkisfarbenen Umschlags variiert übrigens von Jahr zu Jahr. Da äußern die Lehrer Wünsche, die die Hersteller von Schulmaterialien noch gar nicht geahnt haben. „Sowas gibt es nicht!“, rufen dann die Verkäufer beim Blick auf die Liste. Und man darf die Lehrkräfte kontaktieren oder hoffen, dass andere Eltern das tun und dann die Ersatzwünsche auf kleineren Zetteln ins Haus flattern.
Jedes Jahr zu Schulanfang lasse ich mein Portemonnaie am besten gleich offen, denn nach der Materialschlacht im Schreibwarenladen kommen ja noch die extra anzuschaffenden Arbeitsbücher, die Vokabeltrainer und die von der eifrigen Kunstlehrerin bereits bestellten, ganz speziellen DIN A 3-Malblätter (sie wird uns von nun an wahrscheinlich monatlich mit weiteren Sonderwünschen wie Blattgold, Schellack und Heißklebepistolen heimsuchen).
Und nach dem Schulanfang ist vor dem Schulanfang.

 

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