Herbstgedanken

Ich bin verabredet und warte am Treffpunkt. Die Minuten vergehen. Schließlich radle ich die Straße hinunter und wieder zurück, einmal, zweimal. Niemand kommt um die Ecke. Die Uhr am Rathaus macht mich zunächst nervös, bis ich mir überlege, dass noch reichlich Zeit ist, um pünktlich anzukommen. Also keine Eile. Ich atme tief durch.

Der Himmel ist herrlich blau, ganz klar. Über mir wackeln die Blätter der Sumpf-Eiche hin und her, so heiter wirkt das. Und wie es hier duftet! Würzig und fruchtig. Ich sehe mich um und finde schnell einen Apfelbaum im Garten gegenüber. All das ist so schön! Der Herbst ist schön. Wie gut, dass ich diese Minuten hier geschenkt bekommen habe. Nicht zur Haustür heraus und gleich weiter zum nächsten Ziel. Nein, ich durfte innehalten und wahrnehmen. Dafür bin ich dankbar.

Dem Augenblick eine Chance geben, aufnehmen, was gerade da ist. Ganz intensiv. Und spüren, wie gut das tut. Wenn im Alltag mal der Schuh drückt, haben wir oft nicht die Muße, im Hier und Jetzt aufzutanken. Doch nun bin ich hier, sehe das Laub, den Himmel und nehme das Herbstaroma wahr. Ich bin erfüllt. Und mir kommen Tucholskys Worte in den Sinn: „– nun geht es in einen klaren Herbst. Wie viele hast du? Dies ist einer davon.“

 

(Zitat aus: Kaspar Hauser: Die fünfte Jahreszeit)

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