Filmegucken

Vorsicht beim Lesen dieses Textes. Hinterher wird nichts mehr so sein wie zuvor. Da es heute um das Filmegucken geht, kann ich auch gleich mit einem guten Beispiel beginnen: Wenn man einmal „Psycho“ gesehen hat, wird man danach nie wieder entspannt duschen, wenn man allein im Haus ist. Vorbei…

Ich habe so meine Ticks, wenn ich mir Filme ansehe. Ich richte mein Augenmerk auf ganz bestimmte Dinge und kann davon nicht lassen.

Lenkradrührerei

Wenn die Akteure in alten Filmen, noch wunderbar in schwarz-weiß, mit dem Auto durch die Gegend fahren, dann drehen sie meist hektisch das Lenkrad hin und her, als müssten sie einem Kaninchen/Paparazzi/Baum nach dem anderen ausweichen, während sie laut Drehbuch eigentlich ganz gemächlich geradeaus fahren sollen. Natürlich wurde das alles im Studio gedreht, und vielleicht wussten die Schauspieler nicht, was sie mit ihren Händen machen sollten, während sie ihren Text sprachen. Für die Autofahrer unter ihnen doch aber unverständlich, nicht wahr? Warum sollten sie plötzlich – nur weil die Kamera läuft – wild im Lenkrad herumrühren, als müssten sie in aller Eile einen übergroßen Wasserhahn zudrehen? So aber gibt es unzählige Beispiele in der Filmgeschichte dafür, wie der schneidige Schauspieler die Angebetete neben ihm anschmachtet und währenddessen das Lenkrad in einer Tour in die eine und dann in die andere Richtung reißt, dass einem übel werden könnte.

Nicht auf die Straße sehen

Diese Lenkraddreherei sehe ich in neuen Filmen nicht mehr so oft, dafür hat sich etwas anderes beim Drehen von Autoszenen aber hartnäckig gehalten: Lenken und nicht auf die Straße sehen. Zwei Leute unterhalten sich, der Fahrer sieht seine Begleitung an, fährt weiter, weiter, weiter – ich kann kaum noch dem Dialog folgen, rufe schließlich: „Mensch, nun sieh doch mal wieder nach vorne, du Depp! Willst du euch beide umbringen?“ Zack, habe ich nicht mitbekommen, worüber sich die beiden gerade unterhalten haben. Wie wirklichkeitsfern ist das denn gedreht? Wir fahren ja auch nicht durch die Gegend, ohne nach vorne zu sehen. Außer wir haben einen fähigen Tesla. Oder sind lebensmüde.

Statistenzombies

Und dann gibt es da noch die Statisten. Sie sollen durchs Bild laufen, damit der Zuschauer nicht merkt, dass die Straße gerade für Dreharbeiten gesperrt ist und gar keine normalen Passanten Zutritt haben. Die dann vielleicht noch neugierig in die Kamera gucken. Also kommen die Statisten ins Spiel. Man sagt ihnen: „Gehen Sie einfach quer über den Platz!“ Aber das tun sie nicht. Einfach. Stattdessen marschieren sie so gleichschrittmäßig wie Zombies über das Kopfsteinpflaster. So geht kein normaler Mensch quer über den Platz. So gehen nur Statisten quer über den Platz. In dem Moment, wo die Kamera läuft, vergessen sie, wie man normal spaziert oder sich mit festem Ziel vor Augen auf der Straße bewegt. Immer dieses gleichförmige Gehen, nicht mal kurz getrippelt, schneller, langsamer, nein, völlig gleichmäßig. Wenn ich einen Film sehe, für den Statisten auf einer Straße gebraucht wurden, bekomme ich von der Handlung überhaupt nichts mehr mit, ich suche und finde nur Statisten, die wie die Zombies durchs Bild gleiten. Wahrscheinlich würde ich ganz genauso vor mich hingleiten, wenn ich Statistin wäre.

Das zu wissen, bringt mir aber auch nichts. Sehe ich einen Film, in dem in Schlangenlinien geradeaus gefahren, dabei minutenlang der Beifahrer fixiert und anschließend über einen öffentlichen Platz mit lauter vor sich hingleitenden Menschen gelaufen wird, kann ich die Handlung hinterher nur lückenhaft wiedergeben. Und alle, die diesen Text gelesen haben, ab jetzt auch!

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