Herbstgedanken

Ich bin verabredet und warte am Treffpunkt. Die Minuten vergehen. Schließlich radle ich die Straße hinunter und wieder zurück, einmal, zweimal. Niemand kommt um die Ecke. Die Uhr am Rathaus macht mich zunächst nervös, bis ich mir überlege, dass noch reichlich Zeit ist, um pünktlich anzukommen. Also keine Eile. Ich atme tief durch.

Der Himmel ist herrlich blau, ganz klar. Über mir wackeln die Blätter der Sumpf-Eiche hin und her, so heiter wirkt das. Und wie es hier duftet! Würzig und fruchtig. Ich sehe mich um und finde schnell einen Apfelbaum im Garten gegenüber. All das ist so schön! Der Herbst ist schön. Wie gut, dass ich diese Minuten hier geschenkt bekommen habe. Nicht zur Haustür heraus und gleich weiter zum nächsten Ziel. Nein, ich durfte innehalten und wahrnehmen. Dafür bin ich dankbar.

Dem Augenblick eine Chance geben, aufnehmen, was gerade da ist. Ganz intensiv. Und spüren, wie gut das tut. Wenn im Alltag mal der Schuh drückt, haben wir oft nicht die Muße, im Hier und Jetzt aufzutanken. Doch nun bin ich hier, sehe das Laub, den Himmel und nehme das Herbstaroma wahr. Ich bin erfüllt. Und mir kommen Tucholskys Worte in den Sinn: „– nun geht es in einen klaren Herbst. Wie viele hast du? Dies ist einer davon.“

 

(Zitat aus: Kaspar Hauser: Die fünfte Jahreszeit)

Gelassen Bahn fahren

Als ich während eines Norwegenaufenthaltes eine Schweizerin kennenlernte, war das nicht nur der Beginn unserer Freundschaft, sondern auch der unserer Reisetätigkeit in das Heimatland der anderen. Es dauerte nicht lang, da legte meine Freundin dann zum ersten Mal den Finger in die Wunde und schüttelte den Kopf über die ständigen Verspätungen bei der Deutschen Bahn.
Ich hätte damals „Willkommen im Club“ sagen können, schließlich habe ich, hat eigentlich jeder, der in Deutschland öfter mit dem Zug fährt, schon so viel erlebt, das reicht schnell für ein zweites Menschenleben. Aber ich fühlte mich damals noch in meiner Ehre gekränkt und entgegnete irgendwas mit „größeres Streckennetz als in der Schweiz“, „logistisch viel aufwändiger“, „gar nicht so schlimm“. Und so strafte ich bei meinen Besuchen die Tatsache mit Nichtachtung, dass die Züge in der Schweiz auf die Sekunde genau abfuhren und ankamen.
Mittlerweile kennen wir uns seit 20 Jahren und lästern gemeinsam. Meine Freundin ist inzwischen eine intime Kennerin der Deutschen Bahn geworden. Zugausfall? Anschlusszug weg? Sie haut diesbezüglich nichts mehr um. Perfektionistisch, wie sie als Schweizerin eben so ist, hat sie sich am DB-Schalter sogar schon einmal über zu wenig Zugverspätung beklagt. Da hat sie uns Deutschen höchstwahrscheinlich wieder etwas voraus.
Und während sie immer wieder an irgendeinem Bahnhof in Deutschland strandet und dann ihr Sparticket umbuchen muss, oft ohne über den genauen Grund der Verspätung Bescheid zu wissen, genieße ich es, aus einem Schweizer Bahnhof pünktlichst abzufahren und sofort darüber informiert zu werden, warum der Zug auf offener Strecke kurz (wirklich kurz!) halten muss.
Man könnte jetzt sagen, dass ich besser dran bin. Aber zum einen führt mich meine Reise ja immer auch durch Deutschland… Und zum anderen finde ich, dass meine Freundin unserer Bahn Wertvolles zu verdanken hat: Diese Gelassenheit im Umgang mit Zugreisen, dieses „Für alles bereit sein“ – das lernt man in Deutschland eben viel besser als in der Schweiz.

Der Mulm

Ich gehe nicht gerne zum Gyn oder zum Zahnarzt und eine MRT-Untersuchung bewirkt schon beim Gedanken an die Röhre alles andere als Vorfreude.
Ich bin überhaupt nicht schwindelfrei. Schon wenn ich den Balkon einer Wohnung im 8. Stock betrete und die grandiose Fernsicht bewundern könnte, kribbeln mir stattdessen unglaublich die Füße.
Und ich hasse die Tage vor einer Reise. Dieses Planen, Packen, Aufräumen erfüllt mich nicht mit Vorfreude, und am liebsten würde ich einfach zu Hause bleiben. Da weiß ich wenigstens, was mich erwartet.
Diese Liste ließe sich jetzt beliebig erweitern.
Meist treibe ich mich dann an wie ein altägyptischer Sklavenhändler und bin dabei nicht sonderlich nett zu mir: „Hab dich nicht so!“ – „Du schon wieder!“ – „Meine Güte, jetzt stell dich mal nicht so an.“
Das macht die Sache aber auch nicht besser.
Vor ein paar Monaten sagte dann jemand zu mir: „Du hast den Mulm!“
Ich war sprachlos. Weil das stimmte. Ich hatte nur keinen Namen dafür gehabt. Seitdem ist alles anders.
Der Mulm begleitet mich jetzt zum Gyn oder zum Zahnarzt oder in die gefühlt zu enge MRT-Röhre. Ich weiß, dass er da ist, aber im Gegensatz zu vorher kann ich jetzt über meine Angst lächeln, weil der Mulm Namen und Gesicht bekommen hat. Wenn er versucht, mir ins Ohr zu wispern, dass der Praxisausgang eigentlich sehr verlockend aussieht, schüttele ich den Kopf und sage im Geiste: „Mulm, wat mutt, dat mutt.“
Kribbeln mir die Füße in großer (und leider auch nicht so großer) Höhe, könnte ich natürlich über mich seufzen. Doch stattdessen denke ich: Na, Mulm, auch wieder da?
Er ändert seine Größe, und seine Stimme ist auch unterschiedlich laut. Vor einer Reise z.B. ist er riesig und wortgewaltig, und ich muss gegen ihn und mein Bauchgefühl ankämpfen, das dann nur noch Heimweh statt Fernweh kennt. Denn eigentlich weiß ich ja, wie gerne ich auch ganz woanders bin. Nur der Weg dorthin, das Neue, das ist eben nicht so meins.
Ist aber in Ordnung. Ich gehe jetzt liebenswerter mit mir und meinen Schwächen um, seit der Mulm Mulm heißt.

In 2017, da rutscht mir die Hand aus

Ich bin militant. Zu allem bereit. Wenn ich nicht so schnell frieren würde, könnte ich glatt eine Untergrundgruppe gründen. Über einen Namen denke ich noch nach, nicht aber über unsere Aufgabe: Mit Stiften oder Farbeimern bewaffnet, würden wir in den Formulierungskampf ziehen.
Das macht Sinn – das zu sagen, ergibt für mich noch immer keinen Sinn, aber langsam finde ich mich damit ab. Etwas anderes hat ja doch keinen Sinn.
Und wer alles heutzutage gut aufgestellt ist: Nicht nur das Billy-Regal in meinem Wohnzimmer, sondern auch die Jugendabteilung des SV Freudenberg und die Realo-Spitze der Grünen. Nicht zu vergessen Brandenburgs Steuerfahndung. Nun gut. Eigentlich gehört es heute zum guten Ton, gut aufgestellt zu sein. Vielleicht bin ich ja auch gut aufgestellt und weiß es nur nicht, weil mein Rücken manchmal schmerzt.
Ich google und doodle nach Herzenslust, kaufe auch im „Sale“ ein, wenn es denn nicht mehr im „Schlussverkauf“ sein darf, und im Fernsehen sollen sie halt „performen“ statt „Gesang und Tanz darbieten“ und den „Buzzer“ drücken statt den Knopf mit Pilzkopfdeckel. In der Kürze liegt die Würze.
Aber mein Gleichmut ist passé, sobald jemand „in 2017“, „in 1979“ oder „in 1899“ sagt. Zuerst macht das Herz einen Aussetzer, dann zuckt mein linkes Auge. Kalter Schweiß bricht mir aus. Kommt mir ein Worddokument mit solch einer Entgleisung auf den Bildschirm, rutscht mir auf der Tastatur sofort die Hand aus, und meine Finger landen auf der Löschtaste.
Die deutsche Sprache ist an dieser Stelle doch so schön schlicht. Schlichter als das Englische, dem sie diese unnötige Entlehnung verdankt. Alle mal lesen und verinnerlichen: Auf Deutsch heißt es: „2017 bekomme ich vier neue graue Haare“. Oder: „1979 erschien der erste Star Trek-Film“. Oder: „Erich Kästner erblickte 1899 das Licht der Welt“. Doch, doch. Das ist korrekt. Völlig korrekt. Das „in“ muss leider draußen bleiben. Warum etwas unnötig aufblähen? Eher macht etwas für mich Sinn als dass ich das Wörtchen „in“ mit einer Jahreszahl kombiniere.
Und jetzt gebe ich es auch zu: die Überschrift dieses Textes war zum Anködern falsch geschrieben. Eigentlich hätte sie so aussehen müssen:
„In“ 2017? Da rutscht mir die Hand aus!