Bahnsprech

Neulich fuhr ich mal wieder mit der Bahn.

Eigentlich ist damit alles gesagt.

Aber: Ach was, ich kann nicht anders. Ich muss einfach aufschreiben, was ich erlebt habe. Auch wenn man bei google nur mal die Stichworte „Bahn“ und „Sprüche“ eingeben muss, um zu sehen, wieviele Seiten sich inzwischen mit der Deutschen Bahn, Lautsprecherdurchsagen, Verspätungsdurchsagen und Erlebnissen im Zug selbst befassen. Ich bin also nicht allein.

Dass die Fahrt spannend werden würde, war mir bereits klar, als die Zugbegleiterin den Waggon betrat und sagte, wer noch nicht beschaffnert worden sei, der habe jetzt die Gelegenheit dazu. Beschaffnert – ein neues Wort! Ich ließ es mir auf der Zunge zergehen und versuchte, seine Bedeutung zu ergründen. Schwierig, die Sache, schwierig. Auf welcher Fortbildung hatte sie dieses Wort gelernt und konjugieren müssen? Ich beschaffnere dich, du beschaffnerst mich, wir beschaffnern euch…
Ich versuchte mein Glück und zeigte ihr meine Fahrkarte. Sie nahm und überprüfte diese ganz selbstverständlich. Ich hatte das Wort also richtig interpretiert.

Dann ging es weiter. Der Zug hielt. Alles lief nach Plan, das heißt: Es gab erst einmal überhaupt keine Durchsage, warum wir standen. Irgendwann aber meldete sich meine Zugbegleiterin wieder zu Wort und versüßte mir die Wartezeit auf offener Strecke. Sie sagte: „Vor uns sind unberechtigte Tiere im Gleis, die wir nicht überfahren können. – – –  Und auch nicht wollen. Oder dürfen.“

Berechtigte Tiere hätten wir also einfach mit Tempo 200 über den Haufen gefahren, ohne mit der Wimper zu zucken. Aber unberechtigte Tiere – da hört der Spaß auf. Die kann man nicht einfach so überfahren. Und wollen oder dürfen tun wir das schon gar nicht!
(Es handelte sich übrigens um ein Schwanenpaar. Glück für das Geflügel, dass es zur Gattung der unberechtigten Tiere gehört).

Nach diesen Erlebnissen kam ich mit 30 Minuten Verspätung gut gelaunt am Ziel an. Dass auf der Rückfahrt die Wagenreihung geändert war und aufgrund eines technischen Defekts die Reservierungsanzeige im Zug nicht funktionierte – geschenkt. Ich fand es nur sehr, sehr schade, dass die beiden Zugbegleiterinnen anscheinend noch keine Beschaffner-Fortbildung besucht hatten und auch keine zum Thema Servicedienstleistung. Stattdessen musste ich sie suchen, in ihren Räumlichkeiten finden und beim Essen stören, weil ich doch so gerne gewusst hätte, ob ich – natürlich aufgrund einer Verspätung – meinen Anschlusszug bekommen würde.
Aber man kann nicht alles haben.
Dass der Zug nicht wartete, erfuhr ich erst, als ich am Umsteigebahnhof direkt nachsah.

Unverzagt nahm ich vor einer Woche wieder die Bahn. Auf dem Hinweg zogen wir Reisenden alles an, was wir mithatten, weil die Klimaanlage uns anscheinend länger haltbar machen wollte und empfindlich kühle Luft in den Waggon pustete. Typisch. Klimaanlagen in Zügen scheinen eine technisch  verzwickte Sache zu sein, nur ganz schwer in den Griff zu kriegen.
Auf dem Rückweg hatte ich dann fast eine Stunde Verspätung und ärgerte mich: Ab 1 Stunde hätte ich wenigstens Geld zurückbekommen…

Anfang Dezember bin ich wieder unterwegs mit der Bahn, nach Winterthur zum Adventsbus. Auf dem Hinweg, ich habe gerade mal auf meiner Fahrkarte nachgesehen, werde ich 3x umsteigen und auf dem Rückweg 4x, wobei die kürzeste Umsteigezeit vier Minuten beträgt.

Ich spüre, das wird wieder ein Abenteuer. Da kann ich mich dann so richtig lebendig fühlen. Und das kostet viel weniger, als wenn ich einen Erlebnisgutschein gekauft hätte! Thank you that I can travel with Deutsche Bahn!

Fragen Sie einen Einheimischen!

Neulich bereitete ich meinen Norwegisch-Unterricht vor. Das Lehrbuch sah vor, meinen Teilnehmern beizubringen, dass man z. B. „in“ Bergen, Oslo oder Tromsø wohnen könne, aber nur „auf“ Lillehammer, Voss oder Snåsa. Ob nun dem jeweiligen Ort die Präposition „in“ oder „auf“ vorangestellt werden muss, hängt von seiner geographischen Lage ab. Orte an der Küste: „in“, Orte im Landesinneren: „auf“. Meinen Teilnehmern wird also zur Fehlervermeidung nur übrig bleiben, die norwegische Landkarte auswendig zu lernen. Das Lehrbuch schlägt vor, „im Zweifelsfall“ besser „in“ zu verwenden. Denn Ausnahmen von der geographischen Faustregel gibt es natürlich auch. Wann fangen aber die Zweifel an?
Ich besuchte ein paar norwegische Foren zum Thema und stellte schnell fest, dass es den Norwegern selber nicht besser geht als den Norwegisch-Lernenden. Wie auch? Sie haben sicher auch besseres zu tun als ihre eigene Landkarte auswendig zu lernen.
Irgendwann endeten die Diskussionsgruppen in Sachen „in“ und „auf“ mit dem wirklich praktischen Rat: „Fragt am besten einen Einheimischen!“
Darüber dachte ich eine Weile nach und stellte dann fest, dass es uns in Deutschland eigentlich ganz genauso geht. Wir müssen uns zwar nicht mit den Präpositionen vor den Ortsnamen herumschlagen, aber dafür mit der Aussprache derselben.

Es ist jetzt bald ein Jahr her, als ich mit Freunden unterwegs zu einer Lesung war. Wir fuhren über Land, der Novemberabend hielt für uns ein paar Schneeflocken und immer schmaler werdende, nicht beleuchtete Straßen bereit. Ich äußerte die Vermutung, dass wir in Kürze von der Erdscheibe fallen würden.
Da kamen wir an einem Ortsschild vorbei. „Fernabrünst“ stand dort Schwarz auf Gelb. Dieses Wort zerging uns gleich auf der Zunge, und wir versuchten uns in Silbentrennung und Betonung. Heißt es „Fernab-rünst“? (Wobei diese Version dem Erdscheibenkanten-Gefühl entgegenkam…) Oder doch eher „Ferna-brünst“? Welche Assoziationen weckt denn das?
Bester Stimmung erreichten wir den Ort der Lesung und erlebten einen wunderbaren Abend.

Und es gibt ja noch viele weitere Beispiele, die jeder aus seiner Region kennt. So muss der Ort Lehnin bei Berlin unbedingt auf der zweiten Silbe betont werden, wenn man nicht als Fremder enttarnt werden möchte. So wie der Berliner Bezirk Weißensee auf der letzten Silbe. Das wissen seit der gleichnamigen Fernsehserie jetzt auch die allermeisten.
Doch wie sieht es aus mit Grevenbroich? Horst Schlämmer alias Hape Kerkeling hat da ja eher Verwirrung gestiftet. Zum Glück verrät das Internet die richtige Aussprache: „Grevenbrooch“ muss es heißen.

Bei Fernabrünst hilft mir schließlich Wikipedia weiter. Dort heißt es, der Ort werde umgangssprachlich „Brinsd“ genannt. Das würde für Variante 2 sprechen: Ferna-brünst. Was bleibt also zu tun, um sicherzugehen? Dem Rat im norwegischen Forum folgen: Hinfahren. Einen Einheimischen befragen.

Herbstgedanken

Ich bin verabredet und warte am Treffpunkt. Die Minuten vergehen. Schließlich radle ich die Straße hinunter und wieder zurück, einmal, zweimal. Niemand kommt um die Ecke. Die Uhr am Rathaus macht mich zunächst nervös, bis ich mir überlege, dass noch reichlich Zeit ist, um pünktlich anzukommen. Also keine Eile. Ich atme tief durch.

Der Himmel ist herrlich blau, ganz klar. Über mir wackeln die Blätter der Sumpf-Eiche hin und her, so heiter wirkt das. Und wie es hier duftet! Würzig und fruchtig. Ich sehe mich um und finde schnell einen Apfelbaum im Garten gegenüber. All das ist so schön! Der Herbst ist schön. Wie gut, dass ich diese Minuten hier geschenkt bekommen habe. Nicht zur Haustür heraus und gleich weiter zum nächsten Ziel. Nein, ich durfte innehalten und wahrnehmen. Dafür bin ich dankbar.

Dem Augenblick eine Chance geben, aufnehmen, was gerade da ist. Ganz intensiv. Und spüren, wie gut das tut. Wenn im Alltag mal der Schuh drückt, haben wir oft nicht die Muße, im Hier und Jetzt aufzutanken. Doch nun bin ich hier, sehe das Laub, den Himmel und nehme das Herbstaroma wahr. Ich bin erfüllt. Und mir kommen Tucholskys Worte in den Sinn: „– nun geht es in einen klaren Herbst. Wie viele hast du? Dies ist einer davon.“

 

(Zitat aus: Kaspar Hauser: Die fünfte Jahreszeit)

Ein Tag am Strand

Die Zikaden sind die ersten am Strand.
Sie zirpen in den Kiefern, während es sich unter ihnen langsam füllt.

Eine Frau hat ihren Kosmetikspiegel mitgebracht. Sie zupft sich ausführlich die Augenbrauen, bevor sie die Schwimmbrille anlegt und die Wellen kraulend durchpflügt.
Ein junger behinderter Mann sitzt mit seinen Eltern an der Wasserkante. Mechanisch greift er nach den glattgeschliffenen Steinen neben sich und wirft sie ohne Pause ins Meer. Plitsch macht das, plitsch und plotsch. Ohne Unterlass. Mal wirft er mit der linken Hand, mal mit der rechten, mal mit beiden Händen. Das ist seine Beschäftigung heute, während die anderen baden, lachen, herumlaufen. Am Strand gehen ihm die Steine nicht aus. Ob er am nächsten Tag Muskelkater haben wird?
Eine Familie mit zwei Kindern, eines davon ein Baby, liegt im Schatten. Irgendwann wird das Kleine müde, die Mutter wiegt es in ihren Armen. Es schreit, doch sie lässt sich nicht beirren, wiegt es weiter und singt leise, bis ihm schließlich die Augen zufallen. Zwei Stunden schläft es dort ganz friedlich im Schatten auf einer Matte, mit dem T-Shirt der Mutter zugedeckt. Als es aufwacht, packen die Eltern ihre Taschen, und die vier brechen auf.
Erst direkt an der Wasserkante hört man das Klackern der Steine, die von den Wellen vor- und zurückgewirbelt werden.
Dann geht es zum Schnorcheln. Das Meer wirkt wie eine ewige Ebene aus Blautönen, doch unter seiner Oberfläche eröffnet sich eine völlig andere Welt. Da fällt der Meeresboden plötzlich ab, tun sich Felsen auf und leuchten dunkle Tiefen. Fischschwärme umkreisen die Schwimmer, Tintenfische verstecken sich in Felsvorsprüngen. Das zu erkunden, braucht Mut, zumindest am Anfang.
Und dann wieder herauskommen, abtrocknen, die Zikaden hören und das Plitsch und Plotsch der ins Wasser geworfenen Steine. Sich hinlegen und das unglaubliche Grün der Kiefern über einem bestaunen.

Irgendwann leert sich der Strand. Auch die Familie mit dem jungen Mann geht. Nun ist gut zu sehen, wo er saß: Rechts und links von seinem Platz fehlen sichtbar Steine.

Die Zikaden lässt das alles ganz unbeeindruckt. Sie zirpen und harren der Strandtage, die noch kommen.

Die Entdeckung der Langsamkeit

Meine Güte, ist das heiß. Jede Bewegung wird anstrengend, jede schnelle fast zum Ding der Unmöglichkeit. Und das Denken holpert auch so durch die 35- Grad-und-mehr-Tage. Logik? Wird schwer. Namen richtig zuordnen? Upps. Sich erinnern, was man gerade jemandem sagen/geben oder irgendwo holen wollte? Hm. Hmhm.

Alle werden langsamer. Das trifft sich gut, dann fällt die eigene Langsamkeit nicht so auf. Und zum Glück auch die nicht, die gar nichts mit der Sommerhitze zu tun hat.
In meinem Fall ist das zum Beispiel der WhatsApp-Chat: Meine Hände werden das nicht mehr lernen, so schnell auf einer Minihandytastatur zu tippen, dass sie eine Unterhaltung in Echtzeit führen können. Das geht dann so:

A: Stell Dir vor, wen ich neulich wiedergetroffen habe: X! Ja, tatsächlich!
B (das bin ich): tippt.
A: Das war so ein Zufall. Sie stand vor mir an der Kasse. Hat wohl gerade zum 3. Mal geheiratet. Wir wollen uns unbedingt mal treffen.
B: tippt.
A: Puuh, morgen muss ich zum Zahnarzt. Mir wird ein Zahn gezogen.
B (endlich mit Tippen fertig): Das ist ja klasse! Ich freue mich für dich!

Oder WhatsApp-Dialoge mit Jugendlichen:
A: Hey…
B (das bin ich): tippt.
A: Bin kurz on. Gibt gleich Essen hier. War ein cooler Tag!
B: Selber hey!!
A: Hast du was?
B: tippt.
A: Ob du was hast?
B: tippt.
A: Kannst du dich mal melden?
B: Nö! Warum sollte ich? Küsschen-Emoji.

Also haben Hitzeperioden auch was für sich. Und was ich auch noch sagen wollte, habe ich vergessen. Hm. Hmhm.

Strandgut

Zur Zeit wäre ich unheimlich gerne an der Nordsee. Würde mir von einer frischen Brise die Haare zerzausen lassen. Stattdessen pustet mir der tropische Sommerwind selbst auf dem Fahrrad ins Gesicht wie ein heißgelaufener Fön.

Ach, wie wäre das jetzt nett an der Nordsee. Ich würde barfuß am Strand entlangschlendern, in die Ferne schauen und dann wieder nahstellen auf das, was sich mir vor meinen Füßen bietet: blindgescheuerte Scherben, rundgeschliffene Steine und perlmuttfarbene Muscheln. So ein Strandspaziergang weckt meinen Entdeckergeist.

Zu Hause, fernab der Küste, begegnet mir auch das eine oder andere Strandgut, und ich denke mir die Hintergrundgeschichte dazu aus. Neulich abends lag zum Beispiel mitten auf der Straße ein Hundehaufen unglaublichen Ausmaßes. Ein wahrhaft unüberwindbares Hindernis für den Straßenverkehr. Ich blieb stehen und betrachtete diesen stattlichen braunen Hügel. Respekt! Welcher Hund kann so einen Haufen produzieren? Mir fiel keiner ein, der die Größe einer Kuh hat, das stellte mich vor ein Problem. Darum überlegte ich mir lieber, wie sein Halter ihn nur ein Mittelgebirge auf die Straße kacken lassen konnte, ohne es wegzuräumen. Vielleicht war er gerade auf dem Weg nach Hause, um einen Schneeschieber zu holen. Wer weiß? Am nächsten Tag war die Straße jedenfalls sauber. In der Nachbarschaft seiner Restmülltonne möchte ich lieber nicht wohnen…

An der Autobahnauffahrt meines Arbeitsortes habe ich zwei Tage hintereinander jeweils einen Schuh liegen sehen, beim ersten Mal einen alten Sportschuh, beim zweiten einen braunen Herrenslipper. Wieso liegt sowas an Autobahnauffahrten herum? Darüber nachzudenken, ist nun wahrlich interessant. Ich stelle mir vollgepackte Autos auf Reisen vor, bis oben hin voll. Man darf das Fenster kein Stückchen öffnen, sonst reißt der Fahrtwind ungesicherte Teddybären, Schnorchelsets oder eben auch Herrenslipper mit sich fort. Und dann steht man da. Auf nur einem Herrenslipper. Zu Beginn des Urlaubs.
Und der Turnschuh? Da ist mir eine für genau diese Autobahnauffahrt passende Theorie eingefallen: Gerade in den großen Sportoutlets in der Nähe shoppen gewesen, versucht man halb verzweifelt, die fünf neu gekauften Paar Sportschuhe unter das Reisegepäck zu mischen. Das gestaltet sich als schwierig bis unmöglich. Also Fenster auf und raus mit den alten Tretern.

Wieder andere Leute haben da mehr Stil: Sie stellen Kisten voller unbrauchbarem Krempel ordentlich an ihre Gartenzäune und schreiben auf einen Zettel: Zu verschenken! Wäre mal ein Projekt zu beobachten, wer sich über vergammelte Bergschuhe und vom Regen bemooste Bücher freut… Sie hätten ihr Zeug zwar besser gleich dem Restmüll übergeben, aber so lange sie es nicht an Autobahnauffahrten aus dem Fenster werfen, bin ich schon froh.

Im Frühjahr habe ich an so einem Gartenzaun übrigens wirklich mal etwas mitgenommen: einen Blumentopf mit Bärlauch. Der wächst nun in meinem Garten. Ein schönes Beispiel von Weiterverwertung!

Die Logik der Träume

Gestern bin ich in der Onleihe unserer Stadtbibliothek auf der Suche nach Lesestoff über einen Buchtitel gestolpert: Schweizen.

Schweizen? Neugierig geworden, klickte ich mich zu näheren Information und fand heraus, dass hier in 24 unterschiedlichen Textarten das Thema „Zukunft der Schweiz“ aufs Korn genommen werde. Untertitel: „Zukünfte“. 24 unterschiedliche Textarten klingt spannend für mich, also klickte ich auf „Ausleihen“ und las das Vorwort.

Autor Charles Lewinsky beschreibt darin, wie er auf den ungewöhnlichen Titel gekommen ist. Er habe geträumt, wie er ein Buch geschrieben und es dann nach Erscheinen stolz zu seinen Vorgängern ins Regal gestellt habe. Der Titel „Schweizen“, den er auf dem Buchrücken las, sei ihm gar nicht merkwürdig vorgekommen – „wie das in Träumen so ist“. Wieder erwacht, sei die Enttäuschung groß gewesen: das Buch nur Schall und Rauch und das Wort „Schweizen“ gar nicht existent.

Eine faszinierende Seite an Träumen ist doch genau das: die Logik, die sich mit dem Wachwerden als Unlogik entpuppt. Ich weiß gar nicht, ob ich mich im Traum schon mal so richtig gewundert habe. Aber ich weiß genau, dass ich das am Morgen danach getan habe. Oft erzählt man dann am Frühstückstisch lachend, was man für einen „Schwachsinn“ geträumt hat. Den man aber währenddessen als absolut normal empfunden hat. Spannend, nicht? Dass wir im Schlaf ein völlig anderes Logikprogramm fahren können als im Wachzustand. Und auch spannend: Dass wir uns scheinbar im Schlaf auf viel mehr einlassen können. Sind wir nicht toleranter, offener, wenn wir uns nicht wundern, sondern einfach annehmen?

Mir fällt meine damals dreijährige Nichte ein, mit der wir zum von Christo verhüllten Reichstag fuhren. Was hatte ich mir vorher ausgemalt, wie sie erstaunt das silberne Riesenpaket anstarren würde! Und stattdessen wunderte sie sich überhaupt nicht. Aha, ein großer silberner Kasten, der nett schimmert. Gut. In diesem magischen Alter war noch alles möglich. Und mir gefällt die Vorstellung, dass wir im Traum in dieses magische Alter zurückkehren können.

Übrigens hat Charles Lewinsky letztendlich das Pferd von hinten aufgezäumt, sich passend zum geträumten Titel „Schweizen“ (für ihn der Plural von „Schweiz“) einen Inhalt überlegt und das fertige Buch vor ein paar Jahren doch noch zu seinen Vorgängern ins Regal stellen können. Alles ist möglich.

Die optimalste Lösung

Ein Süßwarenhersteller wirbt gerade mit einem originellen Slogan. Originell ist er deshalb, weil hier ein Adverb gesteigert wird, das nicht steigerbar ist: Futtert man besagte Praline in Gemeinschaft, kann man alles noch „zusammener“ erleben.
Was hier bewusst als Stilmittel eingesetzt wird, hat mit anderen Beispielen längst Einzug in die Alltagssprache gehalten. Da werden „Absolutadjektive“ fälschlich gesteigert. Ein paar Beispiele:

Die beste Lösung ist immer auch und ausschließlich die optimale Lösung. Wer dann weitersucht nach einer optimaleren oder gar nach der optimalsten Lösung, ist chronisch unzufrieden und weiß nicht, wovon er spricht.
„Ich war die Einzigste auf der Weihnachtsfeier, die nüchtern geblieben ist!“ Aber dort bestimmt nicht die Einzige, die „einzig“ steigert. Leider…
Für eine Fortsetzung des eigenen Lebens ist es ideal, sich extrem langsam rückwärtsgehend von einer Königskobra zu entfernen, wenn man dieser durch einen unglücklichen Zufall über den Weg läuft. Wer der Meinung ist, idealer sei es, sich extremst langsam von besagter Königskobra zu entfernen, der soll mir das mal vormachen! Obwohl… lieber doch nicht.

Superlative sind maximalst beliebt.
Sprach man nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl noch von einem GAU, dem größten anzunehmenden Unfall in einem Atomkraftwerk, so gibt es heute in den Medien nur noch den Super-GAU, als sei der Begriff GAU nicht umfassend genug. Wahrscheinlich wird der Super- bald vom Mega-GAU abgelöst. Den irgendwie zu überleben, wäre wahrscheinlich gar nicht optimalst. Und wer aufgrund eines Mega-GAUs ums Leben kommt, ist dann mit Sicherheit toter als ein Grippeopfer.

Schade finde ich übrigens, dass das Adjektiv „ordentlich“ gesteigert werden darf. So kann ich gerade so stolz darauf gewesen sein, wie gut ich aufgeräumt habe, und kaum betrete ich kurz danach ein anderes Zuhause, ist es dort meist viel ordentlicher, gar nichts steht auf der Küchenarbeitsplatte, und das Wohnzimmer sieht aus wie aus einem Einrichtungskatalog. Mit hängenden Schultern kehre ich dann zurück in mein eigenes, unübersichtlicheres Heim.
Wäre „ordentlich“ nicht steigerbar, so könnte es überall gleich „ordentlich“ sein, und ich wäre ein glücklicher Mensch.
Ich finde das gemeinst.

 

Unverhofftes Geschenk

Ich habe im Urlaub ein Wort geschenkt bekommen. Begeistert habe ich es sofort in mein Wortschatzkästchen gelegt, um es auch ja nicht wieder zu verlieren. Es ist eines dieser Wörter, bei denen man sich fragt, wie man die Jahre zuvor nur ohne sie auskommen konnte.

Der Ranger, der uns im Müritz-Nationalpark auf Adlersafari mitnahm, schenkte es mir. Er sagte: „Wir bleiben mal kurz hier in der Sonne, da ist es nicht so mückig!“

Ganz kurz und knapp: mückig! Vergangenheit sind lange Sätze wie: „Du meine Güte, hier sind ja viele Mücken!“ Stattdessen künftig: „Ist das mückig!“ Und der positive Nebeneffekt: Ich muss jetzt immer lachen, wenn ich „mückig“ sage. Das ist mir beim Thema Mücken noch nie passiert.

Belagerungszustand im Blumenbeet

Dieses Frühjahr ist in meinem Garten der Belagerungszustand ausgerufen worden. Quasi über Nacht hatten mehrstielige Pflanzen mit gefiederten Blättern das Regiment im Blumenbeet übernommen. Meine geliebten Duftrosen – eingekesselt! Die Traubenhyazinthen – im Würgegriff! Einige Exemplare des Guerilla-Grüns hatten sich sogar schon in das Basislager des Phlox eingeschlichen und dort für Chaos gesorgt.

Da blieb nur eines: den Spaten zur Hand zu nehmen, um die Eindringlinge zu entfernen. Bei meinen Duftrosen hört der Spaß für mich auf. Leben und leben lassen? Nö, vergiss es! Jede ausgegrabene Pflanze war mir ein Triumph. Mit Genugtuung warf ich sie in den bereitgestellten Eimer.

Alle paar Tage betrachte ich nun das Beet, das wegen meiner Fußabdrücke und der vielen Ausgrabungen aussieht wie ein Schlachtfeld. Das macht mich wütend. Ziemlich wütend. Mit Argusaugen scanne ich jeden Zentimeter. Ab Erdoberfläche teilt sich die Pflanze in mehrere Stiele auf, die sich auf dem Boden entlangkriechend ausbreiten und dann ihre Blätter ausbilden.

Vor kurzem hat die Blühphase eingesetzt. Ha, dumm für euch gelaufen, ihr Fieslinge: Mit Blüten in Knallgelb statt in Tarnfarbe kann man sich nun wirklich nicht verstecken. „Huhu, hier bin ich! Hier musst du mit deinem Spaten hin“, ruft mir das Signalgelb zu.

Mein Gartenbuch hat mir nun auch verraten, mit wem ich es zu tun habe, und zwar mit dem kriechenden Hahnenfuß. Der Name sagt doch schon alles!

Mein Jagdinstinkt ist geweckt. Auf Spaziergängen sehe ich nichts anderes als Hahnenfuß und muss gegen den Impuls ankämpfen, nur noch mit Spaten in der Hand loszuziehen und den Wegesrand umzugraben.

Auch über einen schnuckligen Spaten im Handtaschenformat habe ich schon einmal nachgedacht. Wenn ich ganz woanders bin und in fremden Gärten eine Hahnenfuß-Horde herumlungern sehe, könnte ich doch – Dingdong! – „Guten Tag, dürfte ich mal kurz… Sie haben da Hahnenfuß im Garten… Gleich ist es erledigt!“

Wenn ich nicht aufpasse, werde ich noch zur Suchtberatung müssen. Oder ich ziehe einfach um. Da ist die Auswahl allerdings etwas begrenzt. Der Hahnenfuß kommt auf allen Kontinenten vor – außer in der Antarktis.

Schislaweng

Im Bayerischen Rundfunk lief gerade die Themenwoche „Bayern lieben Dialekt“. Ich hörte dazu im Radio einen Bericht über die bayerische Version von „My Fair Lady“, die gerade in München gespielt wird. Die deutschsprachige Erstaufführung fand 1961 im Berliner Theater des Westens statt. Darum berlinerte Eliza Doolittle natürlich. Ein paar Ausschnitte aus dieser Version erwärmten mein Herz. Ich habe zwar nie berlinert, aber nach 14 Jahren in Franken verwende ich immer weniger von den Begriffen meiner Kindheit und Jugend. Und wenn der Berliner Dialekt auch oft zum Weglaufen ist, so sind viele seiner Wörter (von denen es einige natürlich auch in anderen Dialekten gibt) einfach knorke!

Hier kommt darum ein kleiner Text mit Begriffen, die ich schon lange nicht mehr gesagt habe:

Gestern Abend war mir danach, noch einmal ums Karree zu gehen. Gleich an der nächsten Straßenecke begegnete mir so’n langa Lulatsch, der aus der lameng mit 5 Bällen jonglierte, während er joggte. Was für’n Mumpitz, fand ich. Will er nun jonglieren oder joggen? Ich ging weiter und überlegte, fürs Happenpappen am nächsten Tag beim Fleischer Gehacktes zu kaufen, um Buletten zu braten. Aber der Fleischer meines Vertrauens ist jottwede im Nachbarort. Also doch lieber das Gemüse aus dem Kühlschrank verarbeiten. So in Gedanken versunken, hatte ich gar nicht die dunklen Regenwolken am Himmel bemerkt, und plötzlich stand ich auch schon in einer Husche vom Feinsten. In nullkommanix war ich klatschnass. Doch nicht genug damit: Als ich gerade die Straße überqueren wollte, kam so ein eitler Fatzke in seiner Anjeberkarre angerast und wäre mir beinahe über die Füße gefahren. So ‘ne Karnalje! „Dir hamse wohl mit de Muffe jebufft!“, rief ich (weil es einfach so ein herrlicher Ausruf ist). Seine Beifahrerin, die mir so richtig etepetete vorkam mit ihrer Turmbau-zu-Babel-Frisur und der dicken Schminke im Gesicht, keifte irgendwas. Aber zum Glück konnte ich ihr Remmidemmi nicht verstehen. War mir sowieso schnuppe – sollte sie doch nölen!

Ich rannte durch den Regen nach Hause und stolperte im Hausflur gleich mal über die Quadratlatschen, die da kreuz und quer herumlagen. „Ach du grüne Neune! Was machst du denn für einen Lärm?“ wurde ich gefragt und antwortete genervt: „Glaubst du, ich stolpere aus Daffke?!“

Ich ging in die Küche, um schnell die Schulstullen für den nächsten Tag zu schmieren. Dann betrachtete ich das dreckige Geschirr in der Spüle, hatte keine Lust zum Abwaschen und biss lieber genüsslich in einen leckeren Pfannkuchen mit Zuckerguss (und da ist immer Erdbeermarmelade drin!). Abwaschen kann ich auch morgen, dachte ich. Heute ist mir alles schislaweng!

P.S.: Und was ich auch noch unbedingt gesagt haben wollte: Knülle! Pillepalle! Splitterbrötchen!

 

Filmegucken

Vorsicht beim Lesen dieses Textes. Hinterher wird nichts mehr so sein wie zuvor. Da es heute um das Filmegucken geht, kann ich auch gleich mit einem guten Beispiel beginnen: Wenn man einmal „Psycho“ gesehen hat, wird man danach nie wieder entspannt duschen, wenn man allein im Haus ist. Vorbei…

Ich habe so meine Ticks, wenn ich mir Filme ansehe. Ich richte mein Augenmerk auf ganz bestimmte Dinge und kann davon nicht lassen.

Lenkradrührerei

Wenn die Akteure in alten Filmen, noch wunderbar in schwarz-weiß, mit dem Auto durch die Gegend fahren, dann drehen sie meist hektisch das Lenkrad hin und her, als müssten sie einem Kaninchen/Paparazzi/Baum nach dem anderen ausweichen, während sie laut Drehbuch eigentlich ganz gemächlich geradeaus fahren sollen. Natürlich wurde das alles im Studio gedreht, und vielleicht wussten die Schauspieler nicht, was sie mit ihren Händen machen sollten, während sie ihren Text sprachen. Für die Autofahrer unter ihnen doch aber unverständlich, nicht wahr? Warum sollten sie plötzlich – nur weil die Kamera läuft – wild im Lenkrad herumrühren, als müssten sie in aller Eile einen übergroßen Wasserhahn zudrehen? So aber gibt es unzählige Beispiele in der Filmgeschichte dafür, wie der schneidige Schauspieler die Angebetete neben ihm anschmachtet und währenddessen das Lenkrad in einer Tour in die eine und dann in die andere Richtung reißt, dass einem übel werden könnte.

Nicht auf die Straße sehen

Diese Lenkraddreherei sehe ich in neuen Filmen nicht mehr so oft, dafür hat sich etwas anderes beim Drehen von Autoszenen aber hartnäckig gehalten: Lenken und nicht auf die Straße sehen. Zwei Leute unterhalten sich, der Fahrer sieht seine Begleitung an, fährt weiter, weiter, weiter – ich kann kaum noch dem Dialog folgen, rufe schließlich: „Mensch, nun sieh doch mal wieder nach vorne, du Depp! Willst du euch beide umbringen?“ Zack, habe ich nicht mitbekommen, worüber sich die beiden gerade unterhalten haben. Wie wirklichkeitsfern ist das denn gedreht? Wir fahren ja auch nicht durch die Gegend, ohne nach vorne zu sehen. Außer wir haben einen fähigen Tesla. Oder sind lebensmüde.

Statistenzombies

Und dann gibt es da noch die Statisten. Sie sollen durchs Bild laufen, damit der Zuschauer nicht merkt, dass die Straße gerade für Dreharbeiten gesperrt ist und gar keine normalen Passanten Zutritt haben. Die dann vielleicht noch neugierig in die Kamera gucken. Also kommen die Statisten ins Spiel. Man sagt ihnen: „Gehen Sie einfach quer über den Platz!“ Aber das tun sie nicht. Einfach. Stattdessen marschieren sie so gleichschrittmäßig wie Zombies über das Kopfsteinpflaster. So geht kein normaler Mensch quer über den Platz. So gehen nur Statisten quer über den Platz. In dem Moment, wo die Kamera läuft, vergessen sie, wie man normal spaziert oder sich mit festem Ziel vor Augen auf der Straße bewegt. Immer dieses gleichförmige Gehen, nicht mal kurz getrippelt, schneller, langsamer, nein, völlig gleichmäßig. Wenn ich einen Film sehe, für den Statisten auf einer Straße gebraucht wurden, bekomme ich von der Handlung überhaupt nichts mehr mit, ich suche und finde nur Statisten, die wie die Zombies durchs Bild gleiten. Wahrscheinlich würde ich ganz genauso vor mich hingleiten, wenn ich Statistin wäre.

Das zu wissen, bringt mir aber auch nichts. Sehe ich einen Film, in dem in Schlangenlinien geradeaus gefahren, dabei minutenlang der Beifahrer fixiert und anschließend über einen öffentlichen Platz mit lauter vor sich hingleitenden Menschen gelaufen wird, kann ich die Handlung hinterher nur lückenhaft wiedergeben. Und alle, die diesen Text gelesen haben, ab jetzt auch!

Wieso nur trägt er eine Brille?

Manchmal frage ich mich ja im Stillen, ob ich überhaupt erwachsen geworden bin und vernünftig, mit Sinn für das wirklich Wichtige im Leben. Also, eigentlich sind alle um mich herum, mit denen ich zusammen jung war, erwachsen geworden. Ich weiß noch nicht, ob ich über mich selber den Kopf schütteln oder mich besser bemitleiden soll, weil ich so alleine komisch jung bin.

Meine Gedanken haben nämlich manchmal, nein, eigentlich immer, so einen Wasserfallcharakter. Da kommt der erste Gedanke, der dann zum zweiten führt und zum dritten, der wiederum zum vierten führt. Zusammen werden sie ein gewaltiger Wasserfall an Gedanken. Und alle miteinander sind sie ab und zu nicht besonders wichtig. Eigentlich gar nicht wichtig.

Neulich fing alles damit an, dass mir wieder ein Song von a-ha in den Sinn kam: „Stay on these roads“. Ich habe den schon immer geliebt und kann mich nicht satthören an ihm. Also bei youtube gesucht und sogar eine Unplugged-Version gefunden. Aufgenommen auf der norwegischen Insel Giske. Wie schön!

Seit wann trägt denn Sänger Morten Harket eine Brille? Der ist doch immer so eitel gewesen, wieso trägt der freiwillig eine Brille und keine Kontaktlinsen? Und wenn ich mir so die Fotos von ihm mit Brille im Internet ansehe, dann finde ich, dass es so aussieht, als hätte er Fensterglas in seinem Brillengestell. Komischerweise scheine ich die einzige Person auf der Welt zu sein, die sich darüber Gedanken macht, denn Morten Harkets Brille wird zwar im Internet ausführlich erörtert, aber die doch so wichtige Fensterglas-Frage finde ich nirgendwo gestellt, geschweige denn beantwortet.
Wie alt ist er eigentlich? 58. Okay, da könnte man schon eine Brille tragen. Die anderen beiden von a-ha tragen keine. Dabei scheinen sie gar nicht so eitel zu sein wie Morten Harket. Bei ihnen wäre also die Wahrscheinlichkeit, In-der-Öffentlichkeit-Brillenträger zu sein, viel größer. Fragen über Fragen.

Und da war doch mal so ein norwegischer Kabarettist, der a-ha immer wieder auf die Schippe genommen hat, besonders die Tatsache, dass sich Morten Harket anscheinend gerne in den Vordergrund drängt. Und da gab es doch diesen Auftritt, wo dieser Norweger, Kristian Valen heißt er, jetzt fällt es mir wieder ein, begleitet von a-ha-Mann Magne Furuholmen am Klavier „Stay on these roads“ singt, ha, da schließt sich wieder ein Kreis!, und das macht er übrigens gut, der Kristian Valen, und mitten im Song kommt Morten Harket ohne Brille die Studio-Treppe hinunter, tippt Valen von hinten auf die Schulter und übernimmt den Gesang. Ganz cool. Und man weiß gar nicht, ob Morten Harket Humor hat. Denn eigentlich ist es doch ganz witzig und auch cool von ihm, dass er bei Kristian Valens Show mitmacht, obwohl der ihn so oft durch den Kakao gezogen hat. Aber keine Regung in seinem Gesicht. Vielleicht hat er sich deswegen dann eine Brille zugelegt, weil immer mehr Leute dachten: Keine Regung hat er im Gesicht, der Morten. Und dann ist mir noch aufgefallen, dass die drei Männer von a-ha sich eigentlich gar nicht ansehen, wenn sie zusammen auf der Bühne stehen. Der eine spielt Gitarre, der andere Klavier, der dritte singt und nestelt ständig an seinen In Ear-Kopfhörern herum. Kein Miteinander. Diesen Gedanken teilt übrigens die Berliner Morgenpost mit mir. Dort hatte man beim Konzert der Drei im Rahmen ihrer Unplugged-Tour in diesem Januar auch den Eindruck. Tststs. Was ist da nur los? Hat Kristian Valen Recht? Auf youtube finde ich den Mitschnitt eines a-ha-Interviews bei einer britischen Morgensendung. Da sitzen die drei, sehen sich nicht an. Und als der Moderator sie fragt, ob sie sich für ihre Tour nun darum kloppen, wer den größten Winnebago hat und Morten Harket die Idee mit dem Winnebago eigentlich ganz gut findet, fällt ihm Magne Furuholmen mit genervt verzerrtem Lächeln ins Wort, dass das nicht in Frage kommt mit den Winnebagos.

Vielleicht irre ich mich ja auch, und Morten Harket ist überhaupt nicht eitel und schwer kurzsichtig und introvertiert und von der Welt verkannt. „Stay on these roads“ bei diesem MTVunplugged-Mitschnitt auf der kleinen norwegischen Insel Giske ist und bleibt davon aber unberührt und wirklich sehr herzerwärmend. Obwohl diese Brille…

Bevor das neue Jahr beginnt

Mich von der Sonne wärmen lassen, die sich lange nicht mehr gezeigt hat.

Den frischen Wind angenehm auf der Haut spüren.

Sehen, wie die weißen Wolken über mich hinweg ziehen.

Loreena McKennitt hören und mich erinnern, wie sich das Leben mit Mitte 20 angefühlt hat.

Dankbar sein für die Menschen, die mich nun begleiten.

Zuversicht spüren.

Ein wohltuendes Innehalten, bevor das neue Jahr beginnt.

 

Materialschlacht im Schreibwarenladen

Eine Familie zu haben, ist teuer. Das zeigt sich beispielsweise jedes Jahr zu Schulanfang, wenn die Kinder mit einem vollgeschriebenen DIN A 4-Zettel nach Hause kommen. Auf dem stehen – in der Premiumversion sauber getippt – die Wünsche der Lehrer, was Hefte, Umschläge und andere Materialien betrifft. Meist sieht dieser Zettel aber so aus, dass die Lehrkräfte die für ihr Fach anzuschaffenden Mittel handschriftlich in kleine Felder eingetragen haben. Da zeigt sich beim Entzifferversuch recht schnell, ob die Werte meiner Brille noch aktuell sind oder nicht.
Jedes Jahr vor Schulanfang bin ich mir sicher, dass wir mittlerweile aber auch wirklich alles zu Hause haben, was es in einem gut bestückten Schreibwarenladen auch gibt. Wir haben Heftumschläge in allen Farben des Regenbogens, verfügen über Geodreiecke, Zirkel und Pinsel in allen Variationen und zudem über eine gute Auswahl diverser karierter und linierter A4-Hefte.
Jedes Jahr nach Schulanfang werde ich dann eines besseren belehrt.
Dieses Mal durfte ich nach Umschlägen in Türkis fahnden. Die Schreibwarenhändlerin meines Vertrauens und ich beschlossen nach längerer Suche einvernehmlich, Türkis in Hellblau umzudeuten. Den Wunsch der Kunstlehrerin nach einem Acrylpinsel in Orange (?!) konnte man mir allerdings auch im Fachhandel nicht erfüllen. Dafür erhielt ich dort die geforderten Haar- und Borstenpinsel in jeweils drei Größen und Bleistifte in vier bestimmten Härtegraden, unter anderem 6B. (Was ebenfalls auf der Liste stand, beispielsweise Farbmalkasten, Schwamm und Wasserglas, konnte ich glücklicherweise unserem bestens sortierten heimischen Regal entnehmen). Innerlich verfluchte ich die Lehrerin, die mal besser freischaffende Künstlerin geworden wäre, als dass sie mit ihrer unerfüllten Leidenschaft nun uns auf der Tasche liegt und wir unseren Kindern ein Equipment finanzieren dürfen, das wahrscheinlich zum Studium an der Kunsthochschule berechtigt.
Bei der Anschaffung von allem anderen bin ich inzwischen zur versierten Einkäuferin geworden, die die Frischlinge im Laden daran erkennt, wie sie ratlos mit ihrer Liste herumlaufen und hektischen Blickes nach einer Verkäuferin suchen.
Kariert mit Schattenrand? Hah, kein Problem! Ein Griff ins Regal unten. Liniert mit beidseitigem Rand? Ein Griff ins Regal Mitte. Kariert mit Rand außen und gelocht? Zack, ein Griff ins Regal oben. Ob blanko, Vokabel- oder Notenheft – ich nehme alles wie im Schlaf mit siegessicherem Lächeln von den Stapeln und werfe es in meinen Korb.
Das Beispiel des orangefarbenen Acrylpinsels oder türkisfarbenen Umschlags variiert übrigens von Jahr zu Jahr. Da äußern die Lehrer Wünsche, die die Hersteller von Schulmaterialien noch gar nicht geahnt haben. „Sowas gibt es nicht!“, rufen dann die Verkäufer beim Blick auf die Liste. Und man darf die Lehrkräfte kontaktieren oder hoffen, dass andere Eltern das tun und dann die Ersatzwünsche auf kleineren Zetteln ins Haus flattern.
Jedes Jahr zu Schulanfang lasse ich mein Portemonnaie am besten gleich offen, denn nach der Materialschlacht im Schreibwarenladen kommen ja noch die extra anzuschaffenden Arbeitsbücher, die Vokabeltrainer und die von der eifrigen Kunstlehrerin bereits bestellten, ganz speziellen DIN A 3-Malblätter (sie wird uns von nun an wahrscheinlich monatlich mit weiteren Sonderwünschen wie Blattgold, Schellack und Heißklebepistolen heimsuchen).
Und nach dem Schulanfang ist vor dem Schulanfang.

 

Gelassen Bahn fahren

Als ich während eines Norwegenaufenthaltes eine Schweizerin kennenlernte, war das nicht nur der Beginn unserer Freundschaft, sondern auch der unserer Reisetätigkeit in das Heimatland der anderen. Es dauerte nicht lang, da legte meine Freundin dann zum ersten Mal den Finger in die Wunde und schüttelte den Kopf über die ständigen Verspätungen bei der Deutschen Bahn.
Ich hätte damals „Willkommen im Club“ sagen können, schließlich habe ich, hat eigentlich jeder, der in Deutschland öfter mit dem Zug fährt, schon so viel erlebt, das reicht schnell für ein zweites Menschenleben. Aber ich fühlte mich damals noch in meiner Ehre gekränkt und entgegnete irgendwas mit „größeres Streckennetz als in der Schweiz“, „logistisch viel aufwändiger“, „gar nicht so schlimm“. Und so strafte ich bei meinen Besuchen die Tatsache mit Nichtachtung, dass die Züge in der Schweiz auf die Sekunde genau abfuhren und ankamen.
Mittlerweile kennen wir uns seit 20 Jahren und lästern gemeinsam. Meine Freundin ist inzwischen eine intime Kennerin der Deutschen Bahn geworden. Zugausfall? Anschlusszug weg? Sie haut diesbezüglich nichts mehr um. Perfektionistisch, wie sie als Schweizerin eben so ist, hat sie sich am DB-Schalter sogar schon einmal über zu wenig Zugverspätung beklagt. Da hat sie uns Deutschen höchstwahrscheinlich wieder etwas voraus.
Und während sie immer wieder an irgendeinem Bahnhof in Deutschland strandet und dann ihr Sparticket umbuchen muss, oft ohne über den genauen Grund der Verspätung Bescheid zu wissen, genieße ich es, aus einem Schweizer Bahnhof pünktlichst abzufahren und sofort darüber informiert zu werden, warum der Zug auf offener Strecke kurz (wirklich kurz!) halten muss.
Man könnte jetzt sagen, dass ich besser dran bin. Aber zum einen führt mich meine Reise ja immer auch durch Deutschland… Und zum anderen finde ich, dass meine Freundin unserer Bahn Wertvolles zu verdanken hat: Diese Gelassenheit im Umgang mit Zugreisen, dieses „Für alles bereit sein“ – das lernt man in Deutschland eben viel besser als in der Schweiz.

Das Vergnügen, in Pfützen zu hüpfen

Den Geruch von Regen auf trockener Erde nennt man Petrichor. Ein Wort, das sich aus den griechischen Wörtern petros für Stein und ichor für die Flüssigkeit in den Adern der griechischen Götter ableitet.
Es ist dieser wunderbare Duft, den man im Sommer voller Genuss ganz tief einatmet, wenn man nach einem Regenschauer vor die Tür tritt. Als ich vor ein paar Jahren dieses Wort zum ersten Mal las, war ich vor allem deswegen erstaunt, weil ich mir bis zu jenem Zeitpunkt gar nicht bewusst gewesen war, dass das ein Phänomen ist, dem man einen Namen geben kann.
Jedenfalls las ich damals, man vermutet, dass wir diesen Geruch deswegen so sehr lieben, weil er bei uns genetisch hinterlegt ist: Die Menschheit hat sich auf die anderen Kontinente von Afrika aus ausgebreitet, wo der Regen nach einer langen Trockenperiode ein Grund zur Freude war, denn er bedeutete Fruchtbarkeit. Und damit Überleben.
Und diese Vorstellung macht das Ganze ja nun so richtig spannend.
Wenn ich heute hinaus in diesen Sommerregen gehe, mit Gummistiefeln und allem, was man so braucht, um den Regen richtig zu genießen, dann schnuppere ich also erfreut Petrichor, weil ich genetisch gar nicht anders kann. Und dann drehe ich mich auf dem Feldweg zunächst verstohlen um, bevor ich voller Vergnügen durch die großen Pfützen hüpfe und es so richtig spritzen lasse. Und zwar auch, weil ich nicht anders kann.
Denn das Kind in mir hat nicht vergessen, wie wunderbar ich schon immer Pfützen fand, wie ich ihre Tiefe ausgelotet habe, Blätterschiffchen in See stechen ließ oder eben einfach begeistert hineingesprungen bin.
Aber vielleicht haben das unsere Urahnen auch schon so gemacht, damals in Afrika, und darum ist meine Pfützenplatscherei auch genetisch bedingt. Und es fehlt nur der Begriff dafür?

Der Mulm

Ich gehe nicht gerne zum Gyn oder zum Zahnarzt und eine MRT-Untersuchung bewirkt schon beim Gedanken an die Röhre alles andere als Vorfreude.
Ich bin überhaupt nicht schwindelfrei. Schon wenn ich den Balkon einer Wohnung im 8. Stock betrete und die grandiose Fernsicht bewundern könnte, kribbeln mir stattdessen unglaublich die Füße.
Und ich hasse die Tage vor einer Reise. Dieses Planen, Packen, Aufräumen erfüllt mich nicht mit Vorfreude, und am liebsten würde ich einfach zu Hause bleiben. Da weiß ich wenigstens, was mich erwartet.
Diese Liste ließe sich jetzt beliebig erweitern.
Meist treibe ich mich dann an wie ein altägyptischer Sklavenhändler und bin dabei nicht sonderlich nett zu mir: „Hab dich nicht so!“ – „Du schon wieder!“ – „Meine Güte, jetzt stell dich mal nicht so an.“
Das macht die Sache aber auch nicht besser.
Vor ein paar Monaten sagte dann jemand zu mir: „Du hast den Mulm!“
Ich war sprachlos. Weil das stimmte. Ich hatte nur keinen Namen dafür gehabt. Seitdem ist alles anders.
Der Mulm begleitet mich jetzt zum Gyn oder zum Zahnarzt oder in die gefühlt zu enge MRT-Röhre. Ich weiß, dass er da ist, aber im Gegensatz zu vorher kann ich jetzt über meine Angst lächeln, weil der Mulm Namen und Gesicht bekommen hat. Wenn er versucht, mir ins Ohr zu wispern, dass der Praxisausgang eigentlich sehr verlockend aussieht, schüttele ich den Kopf und sage im Geiste: „Mulm, wat mutt, dat mutt.“
Kribbeln mir die Füße in großer (und leider auch nicht so großer) Höhe, könnte ich natürlich über mich seufzen. Doch stattdessen denke ich: Na, Mulm, auch wieder da?
Er ändert seine Größe, und seine Stimme ist auch unterschiedlich laut. Vor einer Reise z.B. ist er riesig und wortgewaltig, und ich muss gegen ihn und mein Bauchgefühl ankämpfen, das dann nur noch Heimweh statt Fernweh kennt. Denn eigentlich weiß ich ja, wie gerne ich auch ganz woanders bin. Nur der Weg dorthin, das Neue, das ist eben nicht so meins.
Ist aber in Ordnung. Ich gehe jetzt liebenswerter mit mir und meinen Schwächen um, seit der Mulm Mulm heißt.

Wichtige Frage eines Synonymliebhabers

Entschuldigen verzeihen sehen Sie es mir nach, dass ich Sie kurz mal eben auf die Schnelle etwas störe unterbreche. Bloß aber jedoch muss ich Sie einfach direktemang glattweg fragen aushorchen: Ist es Ihnen gegebenenfalls vielleicht unter Umständen machbar möglich, Ihren umfangreichen gewichtigen Koffer Transportbehälter von meinem rechten Schuh Latschen Botten zu nehmen? Eventuell jetzt gleich sofort?

Her mit der Goldwaage

Ich war auf Reisen. Da lässt man die Blicke schon einmal eher schweifen als im Alltag, wo es oft genug nur von A nach B  gehen muss, und das auf dem schnellsten Weg.
Nun aber, vom Auto ohne Termindruck auf Füße und Fahrrad umgestiegen, verlangsamte sich das Tempo, und die Augen hatten Zeit, ihre Umgebung zu erkunden. So saß ich in Pirna in einem Eiscafé, das mit dem Aufsteller oben warb.
Man erwartet ja eigentlich Positives, wenn etwas mit „NEU!!! Ab sofort…“ angepriesen wird, zum Beispiel:
NEU!!! Ab sofort mit noch mehr Kuchenauswahl
NEU!!! Ab sofort mit freundlichem Service
NEU!!! Ab sofort mit noch mehr Außenplätzen
Aber nun wirklich: „NEU!!! Ab sofort mit Selbstbedienung“ —? Mit drei Ausrufezeichen?
Der schlichte Hinweis: „Bitte bestellen Sie an unserer Theke. Vielen Dank!“ wäre doch völlig in Ordnung gewesen.
Eine frisch eingeführte Serviceeinschränkung jedoch als etwas zu verkaufen, auf das wir schon viel zu lange haben warten müssen – alle Achtung. Endlich kann ich meine Espressi, Kuchen und Eisbecher selber von der Theke zu meinem Tisch schleppen. Das ist toll. So bleibe ich in Bewegung und bekomme ein besseres Gespür dafür, mit wie vielen Kalorien ich es gerade zu tun habe. Und ich kann dem Impuls nachgeben, jetzt und hier ein Eis kaufen zu wollen, stelle mich an und stehe nicht irgendwann frustriert wieder vom Tisch auf, weil niemand kommt, um nach meinen Wünschen zu fragen.
Und apropos Impuls: Ein anderes Schild gab mir ebenfalls Rätsel auf, und auch hier ging es um Eis. Ein großer deutscher Konzern bewarb auf seiner Eiskarte ein Produkt mit dem Slogan „Jetzt als Impulseis“. Wie jetzt – Impulseis? Ist das essbar? Hat es besondere Inhaltsstoffe? („Vorsicht, enthält Lactose und Impuls!“) Die Herstellerwebseite verriet mir schließlich, dass es dieses Eis zuvor nur in einem Multipack für zu Hause gegeben habe und nun auch einzeln gekauft werden könne. Das ist natürlich nett. Aber das (Marketing-)Wort „Impulseis“ auf eine Eiskarte zu drucken, scheint doch an der Zielgruppe vorbeigedacht und hinterlässt bei allen Marketingunwissenden Ratlosigkeit. Die greifen dann sicher lieber zu einem Ohne Impuls-Eis, ich schon aus Prinzip.
Doch was soll dieses Wort nun genau bedeuten? Der Verbraucher soll dem Impuls nachgeben, ein Eis zu kaufen, das er eigentlich gar nicht kaufen wollte? Oder was?
Fragen über Fragen.
Vielleicht sollten wir wieder mehr Wörter auf die Goldwaage legen, bevor wir sie in Druck geben.

 

Mein Adressbuch

Mein Adressbuch ist in die Jahre gekommen und voller Flecken, Eselsohren und Streichungen.
Aber wie oft war mir sein ramponierter Anblick schon lieb und teuer, wenn ich es nach tagelanger Suche erleichtert wiederfand. Bei einer solchen Gelegenheit beschloss ich irgendwann, mir ein neues Adressbuch zu kaufen und das alte als Ersatz an einem passenden Ort abzulegen. Der Kauf wurde in die Tat umgesetzt. Dabei blieb es.
Ich brauchte eine Weile, um zu ergründen, was mich davon abhielt, die leeren, fleckenlosen Seiten auszufüllen. Schließlich wurde mir klar: Ich hänge an diesem zerfledderten Büchlein, das mir die vergangenen Jahre meines Lebens so gut widerspiegelt.
Ich lese darin die Namen von vertrauten Menschen, die inzwischen schon bis zu fünf Mal umgezogen sind. Und mit jeder durchgestrichenen, da nicht mehr gültigen Adresse verbinde ich so gute Erinnerungen an Besuche und Gespräche in unterschiedlichen Wohnungen und Städten. Ich würde mich um vieles bringen, beschränkte ich mich im neuen Adressbuch nur auf die aktuelle Anschrift. Und die alten Daten ebenfalls aufzuschreiben, nur um sie gleich wieder zu streichen, das wäre nicht das Gleiche.
Und da sind die Anschriften von Menschen, die nicht mehr leben. Und die von jenen, zu denen ich keinen Kontakt mehr habe, einfach weil wir irgendwann in unterschiedliche Richtungen abgebogen sind. Meist versandete das unmerklich, selten gab es einen furiosen Schlussakkord. Ich streiche sie nicht durch, das wäre mir zu endgültig. Vielleicht melde ich mich ja doch wieder, eines Tages…
Durchgestrichen habe ich nur, um zu aktualisieren. Nicht um einen Schlussstrich zu ziehen. Das gefällt mir. Und so leben in meinem Adressbuch die Namen aller mir Wichtigen von Jetzt und Einst in friedlicher Koexistenz.

In 2017, da rutscht mir die Hand aus

Ich bin militant. Zu allem bereit. Wenn ich nicht so schnell frieren würde, könnte ich glatt eine Untergrundgruppe gründen. Über einen Namen denke ich noch nach, nicht aber über unsere Aufgabe: Mit Stiften oder Farbeimern bewaffnet, würden wir in den Formulierungskampf ziehen.
Das macht Sinn – das zu sagen, ergibt für mich noch immer keinen Sinn, aber langsam finde ich mich damit ab. Etwas anderes hat ja doch keinen Sinn.
Und wer alles heutzutage gut aufgestellt ist: Nicht nur das Billy-Regal in meinem Wohnzimmer, sondern auch die Jugendabteilung des SV Freudenberg und die Realo-Spitze der Grünen. Nicht zu vergessen Brandenburgs Steuerfahndung. Nun gut. Eigentlich gehört es heute zum guten Ton, gut aufgestellt zu sein. Vielleicht bin ich ja auch gut aufgestellt und weiß es nur nicht, weil mein Rücken manchmal schmerzt.
Ich google und doodle nach Herzenslust, kaufe auch im „Sale“ ein, wenn es denn nicht mehr im „Schlussverkauf“ sein darf, und im Fernsehen sollen sie halt „performen“ statt „Gesang und Tanz darbieten“ und den „Buzzer“ drücken statt den Knopf mit Pilzkopfdeckel. In der Kürze liegt die Würze.
Aber mein Gleichmut ist passé, sobald jemand „in 2017“, „in 1979“ oder „in 1899“ sagt. Zuerst macht das Herz einen Aussetzer, dann zuckt mein linkes Auge. Kalter Schweiß bricht mir aus. Kommt mir ein Worddokument mit solch einer Entgleisung auf den Bildschirm, rutscht mir auf der Tastatur sofort die Hand aus, und meine Finger landen auf der Löschtaste.
Die deutsche Sprache ist an dieser Stelle doch so schön schlicht. Schlichter als das Englische, dem sie diese unnötige Entlehnung verdankt. Alle mal lesen und verinnerlichen: Auf Deutsch heißt es: „2017 bekomme ich vier neue graue Haare“. Oder: „1979 erschien der erste Star Trek-Film“. Oder: „Erich Kästner erblickte 1899 das Licht der Welt“. Doch, doch. Das ist korrekt. Völlig korrekt. Das „in“ muss leider draußen bleiben. Warum etwas unnötig aufblähen? Eher macht etwas für mich Sinn als dass ich das Wörtchen „in“ mit einer Jahreszahl kombiniere.
Und jetzt gebe ich es auch zu: die Überschrift dieses Textes war zum Anködern falsch geschrieben. Eigentlich hätte sie so aussehen müssen:
„In“ 2017? Da rutscht mir die Hand aus!

Ein Fest in Esperantoland

Manchmal will ich ja auch mit der Zeit gehen. Ich habe mir darum vor genau 80 Tagen – – eine App heruntergeladen!
Und ich nutze sie seitdem sogar täglich: Mit meiner Sprachen-App frische ich meine Englisch- und Norwegisch-Kenntnisse auf und lerne sogar was ganz Neues: Esperanto. Wenn ich das perfekt kann, werfe ich mich auf Irisch, Französisch und Spanisch.
Zuerst ging es mir ja wirklich nur ums Lernen. Der nächste Urlaub im Ausland kommt bald, dachte ich, dort willst du dich doch flüssiger verständigen können. Da hatte ich aber noch keine Ahnung, wie toll die vermittelten Inhalte sind! Seitdem hat meine Begeisterung und Vorfreude sogar zugenommen.
Eine hoffentlich inzwischen in Scheidung lebende Sprachenappbestückerin schrieb sich in einer einzigen Lektion ihren ganzen Frust von der Seele. Seitdem weiß ich, was folgende Sätze auf Englisch und Norwegisch heißen: Der Mann probierte die Kleidung seiner Frau an. – Die Frau verließ ihren Mann. – Die Kinder wussten alles.
Ein wenig ratlos ließ mich zunächst der folgende norwegische Satz zurück: Das, was tot ist, kann niemals sterben. (Det som er dødt, kan aldri dø). Vielleicht kann ich das im nächsten Norwegen-Urlaub anbringen, wenn ich beispielsweise zum Grillen eingeladen bin und beim Essen humorigen Smalltalk machen will. Die Gastgeber kann ich dank der App nun auch interessiert fragen, ob ihr Haus eine Rolltreppe hat (Har huset ditt en rulletrapp?). Das macht sicher Eindruck. Die Frage, ob das Haus Möbel hat (Does the house have furniture?) würde sich anbieten, wenn der erste Eindruck des gemieteten Ferienhauses in Südengland doch etwas enttäuschend wäre. In England könnte ich übrigens das mit der Rolltreppe auch verwenden, und zwar als gut gemeinten Verbesserungsvorschlag: Das Schloss benötigt eine Rolltreppe! (The castle needs an escalator!)
Am allermeisten freue ich mich aber auf einen Tag in ferner Zukunft, wenn ich endlich Esperantoland bereise. Ich sehe mich in einem großen dunklen Veranstaltungsraum stehen. Oder vielleicht ist es auch ein alter Marktplatz an einem lauen Sommerabend. Das kann ich nicht so klar erkennen, weil ich mich – noch – nicht mit den esperantinischen Sitten, Gebräuchen und Wetterverhältnissen auskenne. Jedenfalls stehe ich also irgendwo am Rand des Geschehens, während um mich herum laut singend gefeiert wird. Ich kann meinen Blick kaum von den Vorgängen in der Mitte des Platzes abwenden, das ist so fremdartig für mich, so esperantinisch eben. Aber dann neige ich den Kopf zu den Esperantos neben mir und werde nicht, wie sie das von Fremden vielleicht eher erwartet hätten, irritiert fragen, was das für ein eigenartiger Brauch sei. Nein, ich rufe stattdessen voll wissender Anerkennung diesen einen Satz zu ihnen hinüber, der mich zu einer der ihren macht. Sie werden mich zunächst überrascht ansehen und mich anschließend herzlich lächelnd unterhaken. Und ich danke meiner App, dass sie mich auf diesen großen Moment der Völkerverständigung vorbereitet hat, als sie mich diesen einen Satz lernen ließ: La malbelo bebo dancas rapide. (Das hässliche Baby tanzt schnell.)

Von Eimern und Menschen

Wenn Eugène Poubelle nicht schon lange tot wäre, könnte man ihn glatt bemitleiden. Schließlich geht auf ihn das französische Wort für Abfalleimer zurück: „poubelle“. So möchte man vielleicht nicht unsterblich werden. Unsere Ohren sind jedoch dankbar dafür, denn „poubelle“ – das klingt wie etwas Zartes und Wohlduftendes…
Zu Besuch in Österreich, holt man uns dann schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. „Mistkübel“ nennt man das Utensil dort nämlich ganz pragmatisch. Das weckt andere, wenngleich ebenfalls duftintensive Assoziationen.
Zaubert einem aber auch ein Lächeln ins Gesicht: Denn wie heißt in Österreich folgerichtig die Abfall-Servicehotline?

Wechseljahre

Ich bin in den Wechseljahren. Es fing ganz diskret an, kaum fiel es mir auf, und es störte mich nicht. Inzwischen aber beherrscht mich das Thema. Und zwar immer, wenn ich Auto fahre.
Seit geraumer Zeit wechsle ich die Radiosender. Zuerst unbewusst, dann leise seufzend, jetzt genervt schon auf kurzer Strecke.
Nirgendwo bin ich mehr richtig zu Hause. Vorbei sind die Zeiten, wo ich „meinem“ Sender die Treue hielt und den Moment auf der Autobahn herbeisehnte, endlich wieder in seinen Empfangsbereich zu kommen.
Ich bin ein Morgenmuffel und will nicht von irrwitzig gutgelaunten Moderatoren belästigt werden – also schalte ich um. Für die Musikauswahl des nächsten Senders werde ich aber wohl langsam zu alt – also schalte ich um. Die Musikauswahl des dritten Senders finde ich zwar immer angenehmer, dafür aber fühle ich mich für die Wortbeiträge eindeutig zu jung. Also schalte ich wieder um.
Ich schalte von Bayern 2 zu Bayern 3 zu Bayern 1. Von Antenne zu Bayern 5 zu Deutschlandradio. Und wieder zurück und über Kreuz. Eine Orientierungslose in den Ätherwellen. Eine aus der Zielgruppe Gefallene.
Das sind sie also, die Wechseljahre. Eine Phase des schmerzhaften Abschieds. Wie lange wird das jetzt gehen? Werde ich jemals wieder einen Lieblingssender haben?
Oder sind das die Wechseljahre: Dass mich jetzt schon Kleinigkeiten im Radio dazu bringen, umzuschalten?

Fastenzeit im Straßenverkehr

  • Dieses Jahr faste ich mit. Ich bin dabei. Aber völlig. Da ich im Straßenverkehr zu oft hochgehe wie eine Rakete, werde ich ab 1. März für sechs Wochen den anderen Verkehrsteilnehmern gegenüber nur höfliche Gedanken haben.  Sechs Wochen lang einfach nur gut drauf sein, wenn ich hinterm Steuer oder Fahrradlenker sitze.

    Meine Gedanken werden dann ungefähr so klingen:

    Mich freut zu sehen, dass mein Vordermann es gerade überhaupt nicht eilig hat. Der Gute kann es sich darum leisten, mit 30 statt 50 km/h durch die Stadt zu tuckern.
    Ich leide von Herzen mit jener Dame hier, die augenscheinlich nicht in der Lage ist, ihren SUV zu parken, ohne dabei gleich die ganze Straße zu sperren.
    Und diese Frau vor mir ist eine liebende Mutter, wie es nur wenige gibt. Sie stoppt hier einfach auf der Straße, denkt keine Sekunde daran, dass wir Nachfolgenden so nicht an ihr vorbeikommen. Nein, sie denkt nur an ihre Kinderlein, die – ohne zu hetzen! – einsteigen sollen.
    Danke, Du schnittiger Autofahrer, Du, der Du mir mit meinem Fahrrad gerade die Vorfahrt genommen hast. Jetzt bin ich wieder ganz im Hier und Jetzt und mit meinen Gedanken nicht bei meinem Einkaufszettel. Ich danke Dir!
    Wie verantwortungsvoll, dass der Herr auf der Überholspur der Autobahn wenigstens auf 70 abgebremst hat, um sich auf das Handy an seinem Ohr zu konzentrieren.
    Es erfüllt mich mit Dankbarkeit zu wissen, dass die Autofahrertage des Methusalems vor mir gezählt sind. Ein Glück doch für die Menschheit.
    Na, und ist das nicht toll? Da hat der Mensch vor mir doch glatt die Spendierhosen an: Er wirft seine Zigarette bei voller Fahrt aus dem Autofenster. Sie landet auf meiner Motorhaube. Ich bin entzückt! Und ich verstehe ihn so gut: Autos mit stinkenden Kippen im Aschenbecher kann ich auch nicht ausstehen.
    Zwischenzeitlich war die Ampel zwar grün, aber Du vor mir hast schon recht: Eigentlich ist es hier gerade zu schön, um weiterzufahren.
    Mal sehen, wie lange ich das durchhalte… 6 Wochen sind ganz schön lang…

    Ich glaube, ich fahr mit dem Bus.

Entdeckung im Supermarkt

 

Da kauft man in der Schweiz nichtsahnend eine Orange, traut seinen Augen beim Anblick des Etiketts nicht und muss einfach sofort kreativ werden.
Blondorange, Definitionsmöglichkeiten:
a) Blondine mit Cellulitis
b) Kosename für rundliche Blondine
c) Coloration für Experimentierfreudige

Worauf es ankommt

Hetze Eile schnell schnell schnell
kann ich muss ich soll ich werd ich
denke hier dran denke da dran
und vergiss bloß nicht
seufz ach Stress Hast Stress –
Langsamer
Nur ein wenig langsamer
Muss ich?
Soll ich?
Ich kann
Zeit haben
Für dich, für mich
Für uns